Zeit zum Lesen Eine Wiederentdeckung

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» ..ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen…«  Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1.

Wann lesen wir eigentlich noch? Ich meine damit nicht die vielen E-Mails, die beiläufig konsumierten Beiträge im Internet, sondern ganze Bücher?

Lesen kostet Zeit. Wenn auf die Frage an bekannte, vielbeschäftigte Zeitgenossen, was lesen Sie gerade? umfangreiche Werke wie »Der Turm« oder »The Circle« genannt werden, zweifle ich immer ein wenig und schaue auf mich.

Lesen ist zeitaufwändig. Größere Lektüren nehme ich mir für das Wochenende vor. Aber auch dieses ist oft schon mit vielen Terminen ausgekleidet und einen idealen Zeitpunkt zu störungsfreier Lektüre gibt es kaum. Ich empfinde oft, dass es gar als unsozial gilt, spontanen Verabredungen mit dem Hinweis auf eine gerade begonnene Lektüre zurückzustellen. Wer sagt schon, ich komme jetzt nicht mit Bier trinken, ich lese?

Aber dennoch versuche ich jeden Tag einen »schönen Text« zu genießen. Überall. Die moderne Technik hilft mir sogar ein wenig, auch dann zu lesen, wenn dies nach den Maßstäben früherer Zeiten sehr beschwerlich oder gar unmöglich war. Meinen E-Book Reader kann ich auf den sogenannten Nachtmodus schalten und selbst im Dunklen zu akzeptablen Bedingungen ohne Störung des Bettnachbarn in ein Buch versinken. Hörbücher helfen mir, auch in »unproduktiven Zeiten«, etwa unterwegs zu »lesen«. Sonst greife ich zum Buch.

Dennoch, um etwa Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« ganz zu bewältigen, benötigt man etwa 160 Stunden reiner Lektürezeit (Das Hörbuchprojekt einer Gesamtlesung vom »rbb« mit Peter Matic beansprucht diese Zeitspanne.) Wem gelingt es tatsächlich heute diesen Raum von seiner sozialen Zeit bereitzustellen?

Es liegt für mich auf der Hand, dass heute kurze oder spannende Bücher und Ratgeber zu allen, wirklich allen, Fragen die besten Überlebensbedingungen in unserer rasanten Zeit haben.

Auch ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die Kraft zur konzentrierten Lektüre unter heutigen Umweltbedingungen wiedergewonnen habe. Denn es kostet Überwindung, sich den starken WLAN-Feldern, dem Vibrieren und den Signalen unserer Geräte zu widersetzen.

Aber werden wir jemals wieder die Freiheit gewinnen, die uns das Lesen früher schenkte, und uns an der »wiedergefundenen Zeit« erfreuen können?

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

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