Wie spielt die Musik?

Buch- und Musikindustrie

Es ist eine beeindruckende Graphik: Im Jahr 1976 wurden weltweit etwa 400 Millionen Schallplatten verkauft. Nur 16 Jahre später, im Jahr 1992 ist die Zahl kaum noch messbar. Die Tonträger aus Vinyl verschwanden innerhalb weniger Jahre von ihrer alles dominierenden Stellung nahezu in die Bedeutungslosigkeit.

vinylunitsAuch ich war wie so viele Millionen andere Teil dieses immensen Medienwandels. Nach einem Ferienjob als Schüler kaufte ich mir 1985 einen CD-Spieler und war einer der ersten in meinem Freundeskreis, der ein solches Gerät besaß. Dann ging es schnell und obwohl ich meine Schallplatten liebte, wurden sie zunehmend weniger benutzt; die CD-Sammlung nahm dagegen stetig zu. Für die Musikindustrie müssen das paradiesische Zeiten gewesen sein, CDs waren leicht herzustellen, einfacher zu lagern als Schallplatten und viele Fans kauften sich ihre Lieblingsplatten noch einmal auf CD neu. Das war der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.

Es folgte der zweite Schritt, den die Musikindustrie völlig verschlief und die Folgen dauern nach wie vor an. Die Umsätze mit Tonträgern brechen immer weiter ein, die Hörgewohnheiten einer ganzen itunes- und spotifysozialisierten Generation haben sich massiv verändert, große Player wie Apple oder Amazon beherrschen den Markt mit ihren geschlossenen Systemen.

Gerne wird diese Entwicklung auf die Buchbranche übertragen. Kann man das wirklich so einfach machen? Ich glaube nicht.

Was war der Grund für den Siegeszug der CD? Warum ist die Verlagerung des Musikvertriebs in eine zunehmend körperlose Form nicht aufzuhalten? Nun, wir waren und sind von Musik umgeben. Musik gehört bei vielen Menschen zum normalen Tagesablauf einfach dazu, sie ist immer da. Deshalb ist die technische Entwicklung zu Recht als Fortschritt empfunden worden, Musik wurde einfacher verfügbar. Eine CD muss ich nicht umdrehen, ich muss keinen Staub abbürsten und ich muss nicht so sorgfältig darauf aufpassen wie auf eine Schallplatte. Eine Musikdatei muss ich gar nicht mehr anfassen. Kein Wunder, dass die überwältigende Mehrheit der Musikhörer auf die neuen Techniken aufsprang. Von ein paar Vinyl-Enthusiasten einmal abgesehen.

Und wie ist das jetzt bei Büchern? Sind E-Books der große Wurf, die bahnbrechende neue Technik, wie seinerzeit die CD. Ich glaube das nicht. Momentan haben wir die Situation, dass E-Books gedruckte Bücher lediglich imitieren, das geht von dem Akt des Umblätterns bis hin zur Namensgebung „Paperwhite“ beim Kindle. Natürlich sind E-Books praktisch. Platzsparend. Und vielleicht muss auch nicht wirklich jedes Buch in gedruckter Form erscheinen. Aber sie sind eben in der jetzigen Form nur eine Kopie des Originals. Schön wäre es, wenn man beides parallel nutzen könnte, aber warum diese Entwicklung erst einmal vom Fiskus gestoppt wurde, stand erst kürzlich hier zu lesen.

Ein Buch wird völlig anders rezeptiert als Musik. Musik läuft oft im Hintergrund, und auch wenn man ein Stück bewusst anhören möchte, ist das Trägermedium egal. Entscheidend ist, was aus den Lautsprechern herauskommt. Also von Datenträger zu Musikanlage zum Ohr. Beim Buch ist die Rezeption viel unmittelbarer. Beim Lesen kann ich nichts nebenher erledigen, es ist eine bewusste Tätigkeit. Von daher spielt das Trägermedium eine viel größere Rolle als bei der Musik. Und solange E-Books eben nur eine Kopie der Originals sind, entscheide ich mich lieber gleich für das Original. Mit allen haptischen Vorteilen.

Nun gibt es Menschen, die sagen, sie würden elektronisch schneller und mehr lesen. Das mag sein, aber ich finde, dass man gar nicht schnell lesen muss. Zumindest nicht Bücher, die sprachlich ein einziger Genuss sind. Lesen ist für viele Menschen kein Wettkampf, keine „Challenge“, sondern eine ganz bewusste Beschäftigung, für die man alle Zeit der Welt hat.

Die Schallplatte und auch die Kassette sind verschwunden bzw. wurden marginalisiert, weil ihre Zeit gekommen war. Ist das auch bei Büchern so? Ich glaube, es gibt in dieser Entwicklung zu viele verschiedene Meinungen und Vorlieben, um eine ähnlich erdrutschartige Entwicklung auszulösen.

Es entsteht aber gerade auch etwas ganz anderes, eine neue Form der Literatur, die nur in digitaler Form möglich ist und die hoffentlich ihren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung finden wird. Ein gerade aktuelles Beispiel ist das E-Book-Projekt „Tausend Tode schreiben“, dessen Idee und Ansatz mich so begeistert haben, dass ich spontan auch einen Text beigesteuert habe. Von solchen Projekten brauchen wir mehr. Dann wird das elektronische Publizieren völlig neue Welten erschließen und zu Recht eine eigenständige Literaturform werden.

Um noch einmal die Kurve zum Musikindustrie-Vergleich zu bekommen: Was das Medium angeht, halte ich ihn für nicht tragfähig. Was die Marktentwicklung angeht, sind die Ähnlichkeiten sehr wohl frappierend. Mit Amazon als größtem E-Book-Händler ist ein marktbeherrschender Gigant entstanden, der mit seinem geschlossenen System die Konkurrenz außen vor lässt. Es gibt viel zu kritisieren an Amazon, aber diese Firma hat die technische Entwicklung auf eine visionäre Art und Weise vorangebracht, die die Buchbranche stets atemlos hinterherkeuchen ließ. Ob dieser enorme Vorsprung jemals einzuholen ist, bleibt abzuwarten. Allerdings ist nichts in Stein gemeißelt. Auch Sony war einst eine Firma, die ganz weit vorneweg ging und mit der Erfindung des Walkman die Hörgewohnheiten einer ganzen Generation prägte. Und wo steht sie heute?

Kürzlich übrigens habe ich erlebt, wie ein Achtzehnjähriger, der Musik in seinem Leben nur in digitaler Form kennengelernt hat, sich einen Schallplattenspieler angeschafft hat. Auf meine Frage warum, hat er mir geantwortet, dass er Musik inzwischen nur noch konsumiert, aber er möchte sich mit den Alben, die ihm wichtig sind, auch intensiver beschäftigen. Da erschien ihm der Plattenspieler die beste Wahl.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein schöner Text.
    Gerade der letzte Absatz benennt doch die Gemeinsamkeiten, auch was das Medium angeht. Ich stimme dem Punkt zu, dass ein Buch zu lesen im „großen Bild“ nicht das Gleiche ist, wie eine Platte (oder genereller: ein Album) zu hören.
    Ähnlich ist aber in beiden Fällen der Trend zur „körperlosen Form“ und dessen Gegenpart. Auch Bücher sind vermehrt nur noch Dateien auf dem Endgerät der Nutzer, aber genau wie beim Plattenkäufer sind es bei vielen Buchkäufern mindestens die „schönsten Stücke“, die man doch lieber als echte Exemplare besitzt, statt nur als Bits und Bytes.

    • Vielen Dank. Im Prinzip ist das natürlich nichts als Kaffeesatzleserei, so wie andere das völlig Verschwinden des gedruckten Buches ankündigen. Letztendlich weiß es niemand so genau. Ich könnte mir vorstellen, dass Unterhaltungsliteratur und Sachbücher nahezu komplett in die elektronische Welt abwandern, aber dass es immer auch einen nicht zu kleinen Platz für anspruchsvolle Literatur in gedruckter Form geben wird. Schön gemachte Bücher als alltäglichen Luxus sozusagen. Wir werden sehen.

  2. Das kommt nur auf Gewohnheit an.
    So nimmt ein Kind der Mutter Brust
    Nicht gleich im Anfang willig an,
    Doch bald ernährt es sich mit Lust.

    Das Bild paßt natürlich auf den hier in Rede stehenden Medienwandel nicht wirklich, aber man ersetze Mutterbrust durch Fläschchen…

    Für mich persönlich ist das elektronische Lesen von Büchern noch wie vor schwierig. Die Sleepwalker habe ich bis heute nicht beendet, obwohl mich das Thema nun wirklich interessiert.

    • Sicher, wie so vieles ist auch das elektronische Lesen eine Gewohnheitssache. Über Politik und Zeitgeschehen informiere ich mich nur online, aber beim Lesen zum Genuss und als Entschleuniger im Alltag werde ich immer das gedruckte Medium bevorzugen. Mit all seinen haptischen Vorzügen, die das Lesen erst zu einem sinnlichen Erlebnis machen.
      Wenn die Sleepwalker dann doch einmal beendet sind, freue ich mich übrigens jetzt schon auf die Besprechung…

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