Von Haptik und Büchern

Von Haptik und Büchern

Während der Frankfurter Buchmesse 2014 fiel nach einer längeren Testphase der Startschuss für Sobooks, ein gemeinsames Projekt der beiden Digitalpioniere Sascha Lobo und Christoph Kappes. Sobooks ist eine Mischung aus einem virtuellen Buchladen, einem E-Book-Verlag und einem sozialen Netzwerk. Wenige Monate vorher, im Juni 2014 hatte ich ein Interview mit Christoph Kappes gelesen, in dem er über die neue Form des elektronischen Lesens und über gedruckte Bücher sprach: Das Haben-Wollen ist ein psychisches Haben-Wollen, gerichtet auf einen physischen Gegenstand. Das scheint mir eine Verirrung der Libido und erinnert mich ein bisschen an das Skandieren im 17. Jahrhundert, mit dem man sich den Inhalt gewissermaßen einverleiben wollte. (…) Kulturtechniken ändern sich nur langsam. Man sieht aber bei Spotify schon gut, wie das „Haben-Wollen“ bei digitalen Gütern auf dem Rückzug ist. Auch das physische Buch wird sich zum ubiquitär verfügbaren Dienst verändern.

Diese Stelle ist mir im Gedächtnis haften geblieben. Sie ist für mich ganz typisch dafür, wie Digitalmenschen quasi mit einer Handbewegung das Haptische von gedruckten Büchern abtun, als wäre es etwas völlig Unwichtiges. Oder in diesem Fall noch eine semipsychologische Begründung dafür liefern, warum es sich dabei um eine Sinnesverwirrung handelt, eine Marotte, die durch die neue Kulturtechnik des digitalen Lesens und der digitalen Verfügbarkeit quasi zum Verschwinden verdammt ist. Nun, ich glaube, das ist ein Irrtum. Auch ich kann Hobbypsychologie und ich glaube, dass es etwas zutiefst Menschliches ist, sich mit schönen Dingen zu umgeben und diese haben zu wollen. Die Haptik der Dinge ist dabei eben nicht etwas, das man getrost vernachlässigen kann, sondern der entscheidende Grund, warum Leser sich mit Büchern umgeben. Und ein gefülltes Bücherregal ist eben nicht die Bildungsbürgertapete, wie es schon oft verächtlich genannt wurde, sondern ein Ausdruck der Individualität des Lesers.

Ein gedrucktes Buch besteht nicht nur aus dem Text, sondern auch aus der äußeren Gestaltung. Papier, Schriftart, Umschlag, Geruch, das alles macht den Text zu einem individuellen Leseerlebnis. Wohlgemerkt, ich rede hier über sorgfältig hergestellte und schön gestaltete Bücher, nicht über billige Paperbacks. Und egal wie die weitere digitale Entwicklung verläuft, es wird immer Bücher geben, die ich unbedingt haben MUSS. Als Buch. Als echtes Buch. Sei es, weil sie mir viel bedeuten, sei es, weil sie außergewöhnlich schön gemacht sind, sei es, weil ich mich einfach mit ihnen umgeben möchte. Bücher in meiner Wohnung sind ein Teil meiner Identität. Das bedeutet ja auch nicht, dass man sie nicht gleichzeitig elektronisch lesen kann. Ich weiß von leidenschaftlichen E-Book-Lesern, die sich das Buch nach der Lektüre gedruckt gekauft haben, wenn es ihnen besonders gut gefallen hat. Einfach, um es zu besitzen.

Momentan sind ein Großteil der elektronischen Bücher ein simpler Abklatsch der gedruckten Exemplare. Vorsatzblätter, die Imitation des Umblätterns, sogar der Begriff „Paperwhite“ – das alles wirkt wie eine Kopie des haptischen Vorbilds. Aber wenn E-Books zu eigenen Formen der Literatur werden, dann steht uns eine spannende Zeit bevor. Erste Versuche sind zu beobachten, bemerkenswerte Projekte wie etwa 1000 Tode schreiben aus dem Frohmann Verlag, einem reinen E-Book-Verlag. Das wird der Entwicklung des Medienwandels eine völlig neue Perspektive geben. Wir befinden uns in einer Übergangszeit, einem Übergang von E-Books als Kopie der gedruckten Vorbilder zu einer eigenen Kunstform. Die haptischen Papierbücher sind davon nur am Rande betroffen, sie wird es immer geben. Das ist zumindest meine Prognose. Oder, um zum Abschluss einen Zehnjährigen zu zitieren, einen der Digital Natives: Hoffentlich gibt es Bücher nicht irgendwann nur noch im Computer. Das wäre doof. 

Wir dürfen gespannt sein.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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