Sind Comics große Literatur? Literaturnobelpreis für die Zeichner

img_0087-2Eine Ausstellung der Schirn in Frankfurt vom Juni bis September 2016 »Pioniere des Comics« und die Verleihung des Literaturnobelpreises an den Singersongwriter Bob Dylan ließ mich über die Frage noch einmal neu nachdenken.

In der wunderbaren Frankfurter Schau von Juni bis September 2016 traf ich zum ersten Mal die Urväter dieser Gestaltungskunst und konnte mit Blick auf die teilweise über 100 Jahre alten Blätter eines sagen: Dies muss Kunst sein!

Auf Lyonel Feininger zu treffen, überraschte mich. Die Meisterschaft, für die er als Maler geschätzt wird, entwickelte er aus seiner Tätigkeit als kommerzieller Karikaturist. In seinen Comics klingen schon die Landschaftsbilder an, für die er berühmt wurde, sein erstes Publikum fesselte er mit grimassierenden Häusern und »sprechenden Landschaften«. Seine Blätter erschien bereit 1906 in der Chicago Tribune und lassen sich in Kenntnis seines späteren malerischen Werks noch auf ganz andere Weise betrachten.

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Charles Forbell schaffte mit  »Naughty Pete« (siehe das Titelbild dieses Beitrags) einen liebenswerten Lausbub, den er mit grafischem Geschick wöchentlich über eine ganze Zeitungsseite agieren ließ und sich dabei nicht an den engen Zuschnitt rechteckiger Bildbegrenzungen hielt. Jede neue Folge muss auch für den damaligen Leser ein zauberhaftes Erlebnis gewesen sein,  so einmalig komponierte er seine Blätter.

Aber ist diese Darstellung Literatur? Comictexte sind oft spärlich und für sich genommen belanglos. Das  gilt auch für viele Liedtexte. In beiden Fällen ist es die Kombination von Text mit der jeweiligen Kunst, sei es die Grafik, sei es die Stimme, die das Dargebotene zum Erlebnis machen.

Die Zeichner arbeiten wie Lyriker mit der Verknappung auf engstem Raum, mit dem Platz einer Zeitungsseite oder vielleicht einer kurzen Bildfolge von maximal drei Kästen.

Und so bedurfte es manchmal anderer Tugenden, episch wie Marcel Proust zu werden. Frank King hat über drei Jahrzehnte Woche für Woche in »Gasoline Alley« ein amerikanisches Leben abgebildet und passte im Laufe der Zeit  den grafischen Stil auch an die jeweiligen Zeichen-Moden an.

Der Blick von den Anfängen lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Graphic Novels heutiger Zeit, die als illustrierte Romane Beachtung in den Feuilletons bekommen haben. Hier werden in unterschiedlichen Stilen historische Gestalten oder Geschehen oder komplexe Geschichten in Text und Bild zum Leben erweckt und lassen den Leser anders eintauchen als in der reinen literarischen Form. Mit Joe Sacco schuf ein journalistischer Zeichner die Comic-Reportage. Saccos Zeichenkunst (siehe unser nachfolgendes Bild) macht in dieser Weise den Comic zu einer Dokumentation von zeitgeschichtlichen Ereignissen.

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Gehört der Comic zur höheren Literatur? Seit der Verleihung des Nobelpreis für Literatur an einen Sänger, ist die Frage leichter zu entscheiden. Grafisches Erzählen ist eine Form der Kombinationskunst, in der Texte im Zusammenspiel mit anderer Kunst veredelt und zum Leben erweckt werden. Ist die große Anerkennung nur ein Frage der Zeit?

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

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