Selfpublishing. Ein persönlicher Rückblick auf die Zukunft.

Selfpublishing

Selfpublishing ist ein Phänomen, zur Zeit in aller Munde und ein Trendthema der Medienbranche. Dabei ist es eigentlich nichts Neues. Auf die ersten selbstpublizierten Bücher bin ich 1998 aufmerksam geworden. Während meines Studiums der Verlagswirtschaft hatte ich einen Studentenjob auf der Frankfurter Buchmesse und gehörte zum Standpersonal des AKV-Gemeinschaftsstands, des Arbeitskreises Kleinerer Verlage. Hier konnten sich kleinere Verlage, denen eine eigene Buchmessepräsenz zu teuer war, zu einem günstigen Preis Plätze innerhalb des Gemeinschaftsstandes mieten. Außerdem stand ein Teil des Standes für Einzeltitel zur Verfügung, also für Autoren, die ein Buch geschrieben und dieses als Selbstverleger publiziert hatten.

Es war in etwa diese Zeit, als die Firma BoD – Books on Demand startete, die das Verlangen nach dem eigenen Buch relativ kostengünstig bediente. Hinterlegt wurde eine Druckdatei, die erst bei einem Kauf ausgedruckt wurde – in einer Qualität vergleichbar der eines handelsüblichen Taschenbuchs. BoD ist eine Tochterfirma von Libri, einem der drei großen deutschen Buchzwischenhändler, so dass die BoD-Titel im Libri-Katalog aufgeführt waren und theoretisch jederzeit über den Buchhandel bestellt werden konnten.

Ist also das Selfpublishing von heute nichts als neuer Wein in alten Schläuchen? Ja und nein, denn zwar gibt es wie dargestellt die Möglichkeit des selbstverlegten Buches schon länger, wobei ich die die „Autoren gesucht“-Abzocker-„Verlage“ hier ausdrücklich davon ausnehmen möchte. Auf der anderen Seite aber ist durch das digitale Publizieren und die Selbstvermarktung über die sozialen Medien ein ganz neuer Typus des Selbstverlegens entstanden.

Aber auch wenn es heute einfacher erscheinen mag, ein Buch bzw. ein E-Book als Autor ohne Verlag zu veröffentlichen, ist eines doch gleich geblieben: Nur zu schreiben reicht nicht, um Literatur zu schaffen. Zwar kann man in Kursen, Lehrgängen oder sogenannten Schreibakademien das Romaneschreiben lernen, aber auch das geht nur bis zu einem bestimmten Punkt. Das Quentchen, das einen Text besonders macht, das ihm den letzten Feinschliff gibt, das ihn zu Literatur werden lässt, das ist nach wie vor das Talent. Auch wenn Goethe sagte Genie ist Fleiß, so ganz recht hatte der große Meister in diesem Fall nicht. Talent ist da. Oder es ist nicht da. Ganz einfach. Schriftsteller zu sein ist keine egalitäre Beschäftigung, es ist eine Gabe. Und die Menschen zu finden, die über diese Gabe verfügen, war bisher die Aufgabe der Verlage.

Es geht mir hier jetzt nicht um beliebige, austauschbare Texte, um die einhundertdreissigste Vampir-Liebesgeschichte, den fünfhundertachtzigsten Psycho-Thriller voller herausgeschnittener Eingeweide und verspritzter Hirnmasse oder den zweihundertvierundsechzigsten Shades-of-Grey-Verschnitt. Das alles kann jeder, der mag, für ein Euro neunundneunzig das Stück auf seinen E-Reader laden. Und warum auch nicht, die Geschmäcker sind schließlich verschieden und natürlich findet man ähnliche Texte auch in vielen Verlagsprogrammen. Das ist Unterhaltung, aber es ist keine Literatur. Literatur hinterlässt Spuren, prägt sich ein, ändert Meinungen, wird ein Teil des Gedächtnisses. Wobei es mir hier nicht um den Begriff Große Literatur geht, darüber wurde schon an anderer Stelle diskutiert. Mir geht es um Texte, die bleiben. Und um diese zu verfassen – hier schließt sich der Kreis – ist schriftstellerisches Talent vonnöten.

Es ist durchaus möglich, in dem riesigen Wust der Selfpublishing-Werke auf solche Texte, auf solches Talent zu stoßen. Aber momentan gleicht dies der berühmten Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Denn egal ob ich mir die eingangs erwähnten selbstverlegten Bücher am Buchmessestand genauer angesehen habe oder durch den BoD-Katalog klicke oder die Amazon-Selfpublishing-Liste durchforste: Auf mich wirken diese Bücher bisher fast immer wie die Ergebnisse eines kreativen Selbstverwirklichungshobbys. Das meine ich jetzt nicht böse, es ist ja schön, wenn jemand seine Energie in das Verfassen eines Textes steckt und damit auch Geld verdienen kann.

Nun mag man entgegnen, ich würde diese Entwicklung durch die Verlagsbrille sehen. Das kann schon sein, aber zum einen habe ich ganz bewusst das Wort „persönlich“ in die Überschrift aufgenommen und zum anderen weiß ich, welche Leistungen ein Verlag erbringt, bis ein Buch fix und fertig im Buchladen steht. Oder als E-Book zum Download bereitgestellt ist. Wie wichtig ein gutes Lektorat und Korrektorat ist, welche entscheidende Rolle dem Satz und Layout zukommt und was alles zu effektiver Vertriebs-, Werbe- und Pressearbeit gehört.

Noch anzumerken bleibt, dass es in diesem Beitrag nicht darum geht, die Beziehung zwischen Autor und Verlag zu idealisieren oder schönzureden. In vielen Fällen gibt es sicherlich Verbesserungspotential, aber darauf einzugehen würde den Rahmen deutlich sprengen.

Als Selfpublisher kann ich mir natürlich diese ganzen Dienstleistungen einkaufen. Freie Lektoren freuen sich über Aufträge, Werbe- und/oder Social-Media-Agenturen übernehmen gerne die Vermarktung eines Titels. Nur ob es sich dann noch für den Verfasser des Textes lohnt, ist eine andere Frage. Das Wort „Verlag“ kommt von „Vorlegen“, der Verlag führt diese Arbeiten durch und beteiligt den Autor am Gewinn. Wenn ein bereits bekannter Autor beschließen würde, einen Roman auf eigene Faust herauszubringen, wäre er damit wohl erfolgreich – sofern er Lust hat, seine Zeit für die Vermarktung des Titels zu opfern.

Weiter oben habe ich geschrieben, dass dies die momentane Situation sei. Denn so vieles ist zur Zeit im Umbruch, dass sich auch bei diesem Thema einiges tun wird. Die ersten Verlage haben den Markt der Selfpublisher als mögliches Feld der Autorengewinnung für sich entdeckt, wie etwa das Lyx-Experiment des Egmont-Verlags zeigt. Auch das Thema Crowdfunding hat bereits spannende Buchprojekte hervorgebracht, wie z.B. den Bildband Berlin on Vinyl, bei dem sich die Initiatoren Verlags-Knowhow durch die beteiligten Geldgeber zusammengekauft haben. Es gibt unzählige Foren zum Thema Selfpublishing, sehr professionell geht das Thema die Selfpublisher-Bibel an. Auch hier lohnt sich ein Blick für jeden, der sich intensiver damit beschäftigen möchte.

Selfpublishing, digitales Publizieren, Crowdfunding – man darf gespannt sein, was sich in den nächsten Jahren daraus entwickeln wird. Aber alle technischen Möglichkeiten können eines nicht schaffen: Das schriftstellerische Talent. Womit wir wieder am Anfang wären und weswegen ich als Leser vorerst nach wie vor alleine aus Zeitgründen in erster Linie die Kataloge von Verlagen wie beispielsweise Hanser oder Diogenes für meine Suche nach neuen Büchern heranziehen werde. Oder mich in engagierten Buchhandlungen inspirieren lasse. Weil hier schon jemand die Heuhaufen-Nadel für mich gesucht hat und weil schon alleine diese Menge an Büchern in einem einzigen Leben nicht zu schaffen ist.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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