Literaturvermittlung im Netz Über Buchblogs, Literaturkritik und den Blogbuster-Preis

Photo: Vera Prinz

Beschäftigt man sich in der Buchbranche mit der Digitalisierung, stösst man früher oder später – eher früher – auf den Namen Steffen Meier. Er gilt seit vielen Jahren als Vordenker für die Zukunft des Publizierens und beschäftigt sich von Beginn an mit den Themen E-Books, Apps, Mobile, Webpräsenzen oder Social-Media. Beruflich hat er mit digitaler Produktentwicklung zu tun, er bloggt auf meier-meint.de, ist Buchautor, Autor von Fachartikeln, Referent, Dozent und überall dabei, wo es um neue Techniken und Abläufe geht. Sein jüngstes Projekt ist der Digital Publishing Report #dpr, ein Online-Magazin, das sich mit allen Facetten der Digitalisierung beschäftigt, alle zwei Wochen erscheint und Beiträge von unterschiedlichsten Akteuren nicht nur der Buch- und Verlagsbranche enthält. Es war mir eine große Freude und Ehre, dass in der Ausgabe 1/2017 ein Interview enthalten war, das Steffen Meier mit mir als Literaturblogger Kaffeehaussitzer geführt hat. Es geht dabei um Literaturvermittlung im Netz, vor allem aber um den neuen Blogbuster-Preis, ein Literaturpreis, der aus der Bloggerszene heraus entstanden und bei dem der Kaffeehaussitzer als einer von 15 Blogs beteiligt ist.

Das Interview gibt es nun auch hier auf wie werden wir lesen.

Wie kamen der „Blogbuster“ und der Blogger Uwe Kalkowski überhaupt zusammen?

Als ich im Juni 2013 mit meinem Blog Kaffeehaussitzer online ging, hatte ich keine Vorstellung von der Lebendigkeit und Vielfalt der Literaturblogs. Es dauerte aber nicht lange, bis ich zahlreiche Kontakte mit Gleichgesinnten geknüpft hatte, denn innerhalb der riesigen Buchblogger-Szene gibt es ja zahllose Blogger-Gruppen und -Grüppchen, sozusagen viele Unter-Szenen. Blogger mit ähnlichen Literaturvorlieben oder Ansinnen vernetzen sich, tauschen sich aus, kennen sich meist persönlich. Der Blogbuster-Erfinder Tobias Nazemi (buchrevier) und ich sind auf diese Weise schon länger in Kontakt. Als er mich während der Leipziger Buchmesse auf das Blogbuster-Projekt ansprach, habe ich spontan zugesagt, da ich das Konzept sehr spannend fand. Und nach wie vor finde.

Würden Sie sich selbst auch als Blogger bezeichnen?

Über diese Frage bin ich erst einmal gestolpert, anstatt sofort „Ja, natürlich“ zu antworten habe ich Wikipedia zu Rate gezogen und dort folgende Definition eines Bloggers gefunden: „Ein Blogger, international auch Weblogger genannt, ist Herausgeber oder Verfasser von Blog-Beiträgen…Ein Blogger steht als wesentlicher Autor über dem Text, schreibt zumeist in der Ich-Perspektive und integriert seine persönliche Meinung.“ Nach dieser Beschreibung bin ich nicht nur gefühlt, sondern ganz offiziell ein Blogger – denn insbesondere der persönliche Ansatz ist ein wichtiger Bestandteil und ein Erkennungsmerkmal der Blogbeiträge auf Kaffeehaussitzer. Also, um die Frage abschließend zu beantworten: Ja, natürlich.

Der Preis geriet etwas in die Kritik, vor allem vor dem Hintergrund, dass die ausgewählten 15 Literatur-Blogger nur eine Vorauswahl träfen, die eigentliche Auswahl läge aber bei einer „Fachjury unter dem Vorsitz des ARD-Literaturkritikers Denis Scheck“, darunter auch der Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar, der das Gewinner-Manuskript veröffentlichen wird. Und letzten Endes ginge es nur um die Reichweite der beteiligten Literaturblogger, die ja zugegebenermaßen sehr stattlich ist. Also alles nur Marketing?

Der Blogbuster-Preis ist eine völlig neue Idee. Und – gerade in unserem Land – rufen neue Ideen ja gerne Bedenkenträger, Kritiker und Nörgler auf den Plan. Im Laufe der Durchführung wird sicherlich an der ein oder anderen Stelle Bedarf für Nachbesserungen ausgemacht werden – aber so ist das eben mit neuen Ideen. Sie wachsen. Und genau diese Wir-machen-das-jetzt-mal-Mentalität ist das, was bei uns in so vielen Bereichen fehlt.

Letztendlich ist die Vorauswahl die eigentliche Arbeit. Es gilt, aus vielen eingegangenen Manuskripten 15 auszusieben – eines je Blog. Die einreichenden Autoren können mehrere Wünsche angeben, welchem der beteiligten Blogger ihr Exposé mit Leseprobe weitergeleitet werden soll, die Organisatoren sorgen für die Verteilung. Und jeder Blog entscheidet dann, mit welchen der Manuskripte er sich näher beschäftigen möchte, arbeitet komplette Texte durch, wägt Stärken und Schwächen gegeneinander ab und geht dann mit einem ausgewählten Manuskript in die Endausscheidung. Und erst hier setzt dann die Tätigkeit der Jury an.

Um den teilnehmenden Autoren einen möglichst attraktiven Preis zu bieten, ist es sinnvoll, die Jury für den Finalisten hochkarätig zu besetzen. Und das ist mit Denis Scheck, Elisabeth Ruge oder Tom Kraushaar auf jeden Fall gelungen – von einem Buchvertrag bei Klett-Cotta/Tropen als Gewinn ganz zu schweigen. Zumal eine so prominente Besetzung für Aufmerksamkeit sorgt, um den Preis von Beginn an bekannt zu machen.

Die in der Frage zitierte Kritik daran kenne ich zwar, kann sie aber nicht nachvollziehen. Denn das Besondere an Blogbuster ist vor allem, dass es sich um eine Kooperation zwischen Bloggern und der Verlagsszene handelt, die komplett von Bloggerseite aus initiiert wurde. Die für mich den Versuch darstellt, die unnötigen Gräben zwischen Literaturblogs und Literaturkritik zuzuschütten, indem man die unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammen ins Boot holt.

„Aber warum sollte es Menschen mit einem unbestechlichen Urteil für literarische Qualität nicht auch unter Bloggern geben?“ – so wird Denis Scheck zitiert. Man könnte hier einen gehörigen Schuss Überheblichkeit hineininterpretieren, aber er ergänzte ja dann, dass man sich „blind, taub und dumm stellen müsse, um Blogs nicht als relevante Größe im Literaturbetrieb wahrzunehmen“. Dennoch schwingt hier und in der ganzen derzeitigen Debatte ein Ringen um die Rolle von Bloggern in der modernen Literaturkritik mit.

Eigentlich wollte ich mich zum leidigen Thema Blogs vs. Literaturkritik gar nicht äußern, da es sich in meinen Augen um eine unnötige Diskussion handelt, die auf einem Missverständnis beruht. Wie vieles andere auch verlagern sich Gespräche über Literatur mehr und mehr ins Netz. Aber Literaturblogs sind kein Feuilleton und ersetzen dieses auch nicht. Um noch einmal den o.g. Wikipedia-Eintrag zu zitieren: Ein Blogger steht als wesentlicher Autor über dem Text, schreibt zumeist in der Ich-Perspektive und integriert seine persönliche Meinung.“ Ein Blogbeitrag ist also das Gegenteil eines Feuilleton-Artikels, der Bücher mit literaturwissenschaftlichem Anspruch bespricht und einordnet. Es gibt zwar durchaus Blogs, die ein solches Niveau ebenfalls erreichen, aber in der Regel haben Literaturblogs einen völlig anderen Anspruch. Es geht darum, über Literatur zu reden, Leseeindrücke zu beschreiben, sich mit anderen Lesern auszutauschen. Und gerade durch diesen persönlichen Ansatz auf Augenhöhe können Blogs für Bücher begeistern. Oftmals auf einer sehr emotionalen Ebene, was sie für mich auch so lesenswert macht. Ich selbst sehe mich mit meinem Blog Kaffeehaussitzer ebenfalls als „Buchbegeisterer“ und auf keinen Fall als Literaturkritiker. Wenn ich von einem Werk überzeugt bin, möchte ich mich am liebsten mit einem Megaphon auf eine Straßenkreuzung stellen und meine Begeisterung herausrufen – damit so viele Menschen wie möglich dieses Buch lesen. Das ist wahrscheinlich das Buchhändler-Gen in mir.

Buchblogs und Feuilleton sind daher zwei Welten, die beide nebeneinander existieren und zwischen denen es eigentlich kaum Bezugspunkte gibt. Die bissigen Seitenhiebe, die gerne von Seiten des Feuilletons gegen die Buchblogger-Szene ausgeteilt werden, zeigen eigentlich nur, dass sich dort kaum jemand mit der unglaublichen Vielfalt und der Heterogenität der Literaturblogs auseinandergesetzt hat. Gerne werden nämlich dabei Blogs herausgepickt, die sich z.B. mit Young Adult-Themen oder Fantasy-Literatur beschäftigen, dann wird über „die Literaturblogs“ geschrieben und nicht mit Hohn über vermeintlich triviales Leseverhalten gespart. Dass sich die Leser dieser beispielhaft genannten Blogs möglicherweise kein bisschen für feuilletonistische Buchkritik interessieren, weil sie sich eben in einer ganz anderen Nische der Literatur aufhalten, bleibt dabei unverstanden. Genauso absurd sind aber auch Blogbeiträge aus der Gegenrichtung, in denen „die Literaturblogs“ als das neue Feuilleton gefeiert werden. „Die Literaturblogs“ gibt es eben nicht, zu vielfältig sind die unterschiedlichen Ausprägungen.

Das einzig Erfreuliche an dieser Diskussion war im vergangenen März die Gründung des Online-Magazins Tell, das es schafft, das Beste aus beiden Welten auf einem sehr hohen Niveau miteinander zu verbinden. Hier lohnt sich ein Besuch eigentlich immer. Auch das Blogbuster-Projekt nutzt Synergien aus beiden Welten – deshalb bin sehr gespannt, wohin es sich entwickeln wird.

Dafür, dass ich dazu eigentlich gar nichts sagen wollte, ist es doch eine recht lange Antwort geworden. Vielleicht abschließend ein Zitat des Bloggers Ilja Regier, der den lesenswerten Blog Muromez betreibt, ebenfalls zum Blogbuster-Team gehört und kürzlich in einem Beitrag geschrieben hat: „Ich möchte ein bloggender Leser sein, kein lesender Blogger.“ Ein Satz, den ich sofort unterschreiben würde und der für mich das Selbstverständnis beschreibt, mit dem auch ich meinen Blog betreibe.

Zurück zum Blogbuster – wie kann man sich ganz praktisch die Jury-Arbeit vorstellen? Manuskripte lesen bis zum Umfallen?

Mit dem Stichtag 31. Dezember 2016 sind bei Blogbuster 252 Manuskripte eingegangen. Da Genreliteratur ausgeschlossen ist, sorgte diese Einschränkung schon im Vorfeld für eine Auswahl. Im Schnitt erhält jeder der beteiligten Blogger etwa 15 Exposees und Leseproben, manche mehr, manche weniger. Wir sind alles leidenschaftliche Leser mit einem entsprechenden Anspruch an Stil und Sprache. Bei der Durchsicht der eingegangenen Materialien kann man recht schnell diejenigen zur Seite legen, die für einen persönlich nicht in Frage kommen. Bei mir etwa klingen drei, vielleicht vier Manuskriptangebote so interessant, dass ich mir den gesamten Text von den Autoren anfordern werde. Mit diesen Texten beschäftige ich mich dann intensiver und werde mich für einen entscheiden müssen, mit dem der Kaffeehaussitzer in den Pitch geht. Es ist also machbar.

Im Moment diskutieren viele die Rolle von Maschinenintelligenz bei der Auswahl „marktfähiger“ Manuskripte. Wird ein Algorithmus, eine Künstliche Intelligenz in zehn Jahren die Arbeit einer Blogbuster-Jury übernehmen?

Zugegeben, die erste Reaktion auf diese Frage ist bei mir ein ungläubiges Lächeln. Dann überlege ich aber, was ich wohl vor 20 Jahren gesagt hätte, wenn mir prophezeit worden wäre, dass man sich beim Telefonieren per Kamera weltweit sehen kann – und nicht einmal etwas dafür bezahlen muss. Vor 20 Jahren, als ich noch mit meinen WG-Mitbewohnern Telefoneinheiten aufgeschrieben habe, um dann die Rechnung mühsam aufzuteilen. Was ich damit sagen will: Was in Zukunft möglich sein wird, ist vor dem Hintergrund unserer rasanten technischen Entwicklung fast nicht vorherzusagen. Es wird sicherlich Techniken geben, die momentan vollkommen außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen. Vielleicht kann eine Künstliche Intelligenz tatsächlich eines Tages ein Manuskript beurteilen. Ich wage aber zu behaupten, dass dies nur in formaler Art und Weise möglich sein würde, gut geeignet für Titel des Massenmarktes, die stets nach den gleichen Kriterien konzipiert sind. Ob aber jemals eine KI die emotionale Tiefe eines Werkes zu erkennen vermag? Sprachexperimente in ihrer Originalität einzuordnen versteht? Ein Sprachkunstwerk von Trivialliteratur zu unterscheiden versteht? Das bezweifle ich sehr. Aber wir können uns gerne im Jahr 2026 noch einmal darüber unterhalten.

Nachtrag, Anfang Februar 2017: Inzwischen habe ich mich für einen Blogbuster-Kandidaten entschieden. Das Manuskript hatte mich vollkommen begeistert.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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