Lesen in schweren Zeiten Lektüren in Not, Angst und Trauer

IMG_7057

Kann man seine gewohnte Lektüre fortsetzen, wenn schon Nachrichten und Ereignisse den Tag in ein »Vorher« und »Nachher« teilen?

Was kommt nach der Fassungslosigkeit, einer niederschmetternden Diagnose, einschneidenden Ereignissen oder einem persönlichen Verlust?

Seit fast 20 Jahren habe ich ein »Stundenbuch« in meiner Tasche, einem Gebetbuch für jeden Tag. Dieses abgegriffene Buch hat mich seither fast jeden Tag begleitet. Es enthält Psalmen, Gesänge und Bibelstellen für jeden Tag von vier Wochen. Danach beginnt man wieder von Vorne zu lesen.

Das Buch hatte ich bei mir, als die Anschläge des 11. Septembers 2001 geschahen, aber auch in persönlichen schweren Stunden. Die markantesten Daten dieser Zeit habe ich an entsprechender Stelle im Buch mit Bleistift vermerkt.

Bei den Texten handelt es sich in erster Linie um Psalmen. Ich lese sie in meiner jeweiligen Stimmung und Verfassung. Ihre Wiederkehr wirkt stabilisierend. Es entsteht eine Atmosphäre der Vertrautheit. Einzelne Motive dieser Literatur treten –  je nachdem – stärker oder schwächer hervor.

Die Texte trösten. Trotz ihres Alters spiegeln sie Grundstimmungen des damaligen Menschen wieder, die sich von den heutigen wenig unterscheiden. Furcht, Wut, Liebe. Die Texte verstärken Gedankenmuster, die wir mit ihnen verbinden: Trost, Kampfbereitschaft, Zuversicht.

Dies gilt auch für viele philosophische oder aus anderen Kulturen entnommenen Schriften. Jeder wird seine Vorlieben haben. Die Zeitlosigkeit der Texte hebt uns aus dem gegenwärtigen Zusammenhängen. Ihre Lektüre schafft Distanz, die notwendig ist, Dinge einzuordnen.

Mein »Stundenbuch« ist ein Lebensrettungsanker. Längst gibt es dieses Buch auch schon als Programm für das Smartphone, liebevoll dem Original nachempfunden, dennoch das Buch selbst nie erreichend.

Im Jahr 2000 erschien als Reprint „Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke“, das im Warschauer Getto von Teofila Reich-Ranicki aufgeschrieben und illustriert wurde. Im Getto wollte Marcel Reich-Ranicki, wie er in seiner Autobiografie »Mein Leben« schrieb, dieses Buch unbedingt haben. Es war nicht erhältlich. Seine spätere Frau schrieb einige der Gedichte in ein Heft, illustrierte dieses und schenkte es ihrem späteren Mann. Es ist ein eindrucksvolles Zeugnis, was Bücher zu leisten vermögen und wie sie uns in schier auswegloser Situation begleiten. Die Auswahl und die Gestaltung dieses selbsterstellten Werks sagen viel über die Seelenlage seiner Leser, doch zuletzt vor allem etwas über die ungeheure Lebenskraft guter Texte.

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar


%d Bloggern gefällt das: