Kauf.Entscheidung Wir haben die Wahl

Seit diesem Jahr gilt Jeff Bezos als reichster Mann der Welt, die von ihm gegründete Firma Amazon erzielt einen Umsatzrekord nach dem anderen. Viele, die dort einkaufen, sind begeistert von der unkomplizierten Abwicklung und dem guten Kundenservice – zwei Dinge, die Amazon so groß gemacht haben. Gleichzeitig hinterlässt Amazons Erfolg eine Schneise der Verwüstung und ist ein maßgeblicher Grund für gravierende gesellschaftliche Verwerfungen. In Zeiten, in denen über den Einfluss der sozialen Medien auf die Spaltung der Gesellschaft diskutiert wird, lohnt es sich, darüber hinaus auch einmal einen Blick auf den Versandhändler aus Seattle zu werfen. Der folgende Text ist ursprünglich direkt nach der Bundestagswahl 2017 entstanden und wurde damals im Blog Kaffeehaussitzer veröffentlicht. Ein halbes Jahr später ist er aktueller denn je.

Wo anfangen? Vielleicht mit dem vorläufigen Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung: Bei der Bundestagswahl 2017 wurde mit der AfD eine Partei in unser Parlament gewählt, die offen rassistisches, antisemitisches und reaktionäres Gedankengut vertritt. Die für all das steht, was viele von uns für überwunden gehalten haben. Oder von dem sie zumindest gedacht haben, es sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weit gefehlt. Leider.

Aber woher kommt dieser Trend hin zum rechten Rand? Woher kommt diese Wut auf die etablierten Parteien und die Politik? Dieser Wunsch, „denen da oben“ mal so einen richtigen Denkzettel zu verpassen? Viel wurde darüber im Vorfeld der Wahl geredet und geschrieben, es ging um die Situation der Abgehängten, der Wendeverlierer, um immer weiter auseinanderklaffende gesellschaftliche Risse, arm und reich, Stadt und Land, Flüchtlingskrise, Unterschiede im kulturellen Denken und vieles mehr.

All diese Punkte, einzeln oder gemeinsam betrachtet, sind Symptome eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, der vor drei Jahrzehnten begonnen hat und der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vielmehr sind es nur die ersten politischen Ausläufer, die wir durch die Bundestagswahl mitbekommen haben. Dieser gesellschaftliche Wandel ist die Erosion des Mittelstands und er betrifft uns alle.

Der Mittlere Westen und das Lahntal

Klar geworden ist mir dies bei der Lektüre des Buches „Die Abwicklung“ von George Packer. Der Autor beschreibt darin den Niedergang des Kernlands der USA; den gesellschaftlichen Wandel im Mittleren Westen, der letztendlich mit dazu beitrug, einem Egomanen mit psychopathischen Zügen den Weg ins Weiße Haus zu ebnen. Besonders beeindruckt hat mich in diesem Buch die Erfolgsgeschichte Sam Waltons, des Gründers der Supermarktkette Wal-Mart. Die Expansion Wal-Marts durch gnadenlose Preisdumping-Politik ist ein Beispiel von Raubtier-Kapitalismus in Reinform: Innerhalb weniger Jahre war die komplette Infrastruktur des Mittleren Westens verschwunden; kleine Läden, Handwerksbetriebe, familiengeführte Geschäfte – alles, was Kleinstädten Struktur, Arbeit und damit Sicherheit gibt, vernichtet. Geblieben waren schlecht bezahlte Jobs in den riesigen Wal-Mart-Supermärkten. So schlecht bezahlt, dass man wiederum auf die alles unterbietenden Wal-Mart-Preise angewiesen war. Ein Teufelskreis. Packer hat das wie folgt beschrieben:

„Erst nach seinem Tod, als der urige, bodenständige Sam nicht mehr das öffentliche Gesicht der Firma war, begannen die Menschen zu verstehen, was Wal-Mart angerichtet hatte. Das ganze Land war eine Art Wal-Mart geworden. Es war billig. Die Preise waren niedrig, und die Löhne waren niedrig. Die Industrie beschäftigte nur noch wenige Arbeiter, die selten gewerkschaftlich organisiert waren. … Die Kleinstädte, in denen Sam Walton seine Chance gesehen und genutzt hatte, verarmten zusehends, weshalb die Kunden immer mehr auf die  ‚jeden Tag günstigen Preise‘ von Wal-Mart angewiesen waren. … Das Heartland, Amerikas traditonelles Kernland, wurde immer weiter ausgehöhlt, was die Umsätze der Firma weiter steigerte.“

Dieses Zitat hat sich mir nachhaltig eingeprägt. Denn noch während ich „Die Abwicklung“ gelesen habe, verbrachte ich ein Wochenende mit Rudern und Radfahren im Lahntal, mitten in der hessischen Provinz. Warum ich das erzähle? Weil mir dort beim Besuch des malerischen Städtchens Weilburg etwas aufgefallen ist, was ich bisher verdrängt hatte. Klar, auch bei uns ist dauernd vom Sterben des Einzelhandels die Rede. Noch nie aber konnte ich das mit solch einer Deutlichkeit sehen, wie beim Bummel durch die malerische Gassen dieser kleinen Stadt mit ihrem pompösen Schloss. In manchen Straßenzügen gab es kein einziges Ladenlokal mehr, das nicht leer stand, nicht mit Brettern verammelt war. Dazwischen aufgegebene Restaurants und Cafés. In Teilen der pittoresken Innenstadt war kaum ein Mensch auf der Straße. Es war ein Bild der Trostlosigkeit, der Anblick einer sterbenden Stadt, mühsam kaschiert durch Kanu- und Reisegruppentourismus. Ich war schockiert, denn so drastisch hatte ich es noch nie wahrgenommen. Und es ist doch etwas anderes, wenn man jahrelang von Verödung der Innenstädte, Landflucht und Niedergang der Kleinstädte liest, als wenn man diesen Verfall mit eigenen Augen sieht.

Die allermeiste Zeit meines Lebens bewege ich mich in einem großstädtischen Umfeld, wo die Bedrängnis, in die Einzelhandelsgeschäfte geraten sind, auf den ersten Blick nicht so auffällt. Es verschwinden zwar nach und nach die letzten inhabergeführten Bekleidungs-, Spielzeug- und Schuhläden, aber bisher wird der Leerstand noch durch Filialen der Ketten, Handyshops oder Billigläden gefüllt. Auch eine negative Veränderung, aber sie fällt nicht so drastisch ins Auge wie leergefegte Fußgängerzonen, in denen es kaum noch Geschäfte gibt.

Und genau dies ist der gesellschaftliche Wandel, von dem ich eingangs sprach. Über den ich in Packers Buch gelesen habe. Und den man mit eigenen Augen sehen kann, nicht irgendwo im Mittleren Westen, sondern bei uns. Einzelhandel und Handwerksbetriebe verkörpern wie kaum andere Branchen den Mittelstand. Sie sorgen für eine funktionierende Infrastruktur, für Arbeit, Lebensqualität und Perspektiven.

Eigentlich ist es ganz logisch: Der Mittelstand ist das Rückgrat der Gesellschaft. Bricht der Mittelstand weg, fällt unsere Gesellschaft auseinander – und in ländlichen Gegenden ist diese Entwicklung schon weit fortgeschritten. Es sind diese auseinanderbrechenden Strukturen, die damit verbundene Unsicherheit und Zukunftsangst, die den davon betroffenen Menschen das Gefühl vermittelt, zu den Abgehängten zu gehören. Zu denen, für die sich niemand interessiert, um die sich niemand kümmert. Dies ist der Nährboden für die Wut der Frustrierten und die AfD hat es geschafft, mit Ressentiments und Hetze diese Wut zu kanalisieren und zu instrumentalisieren.

Angefangen hat dies alles vor etwa drei Jahrzehnten, als die Einkaufszentren vor den Toren der Städte wie Pilze aus dem Boden schossen, als es für all die kurzsichtigen Stadtverwaltungen en vogue war, sich mit einer nagelneuen Shopping-Mall zu schmücken. Die Folge war das erste große Sterben der Innenstädte.

Dann kam das Internet und mit ihm die ersten Online-Händler. Plötzlich waren alle Bedürfnisse nur noch einen Mausklick entfernt, musste man zum Shoppen sein Zuhause nicht mehr verlassen. Und dem riesigen Marketingbudget der großen Online-Versender hatte ein Händler vor Ort kaum etwas entgegenzusetzen. Schöne neue Welt. Die Folge ist das zweite große Sterben der Innenstädte. Und damit verbunden das Sterben des Mittelstands. Und damit verbunden die Auflösung unserer gesellschaftlichen Strukuren, das Entstehen von Wut, Frust und Ressentiments. Und damit verbunden die Erfolge radikaler und populistischer Parteien.

Was können wir tun?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mir geht es nicht darum, den Online-Handel zu verteufeln. Oder einer vermeintlich guten alten Zeit hinterherzutrauern.

Mir geht es darum, dafür zu sensibilisieren, dass jeder von uns mit seinem Konsumverhalten gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Online-Shopping hat für uns Kunden viele Vorteile, ist bequem und optimal geeignet, um auch ausgefallenere Produkte zu bestellen. Dinge des täglichen Bedarfs aber nicht vor Ort zu kaufen, trägt zur weiteren Erosion unserer Gesellschaft bei. Bücher sind da ein perfektes Beispiel: Wer ein Buch bei Amazon bestellt, es sich von einem hunderte von Kilometern entfernten Auslieferungslager schicken lässt, anstatt zur Buchhandlung in der Innenstadt zu gehen (oder es in deren Webshop zu bestellen), stärkt mit diesem Einkaufsverhalten den Infrastrukturzerstörer und Steuernvermeider aus Seattle. Der vielleicht einen perfekten Service bietet, aber keine Arbeit vor Ort. Und wenn irgendwo ein – von der Politik kurzsichtigerweise meist subventioniertes – Amazon-Auslieferungslager entsteht, werden dadurch prekäre Jobs geschaffen auf Kosten guter Arbeitsplätze. Die Wal-Mart-Erfolgsgeschichte sollte einem Mahnung genug sein.

Deshalb der langen Rede kurzer Sinn:

Kauft vor Ort ein. Sorgt damit für Stabilität in euren Städten und Regionen. Man kann jeden Euro nur einmal ausgeben, deshalb macht euch klar, dass jeder Euro an Amazon und Co. aus euren Städten unwiederbringlich abfließt. Helft mit, durch euer Einkaufsverhalten die gesellschaftliche Erosion zu stoppen.

Und sicher, man kann natürlich politische Maßnahmen fordern, etwa eine geänderte Steuergesetzgebung oder arbeitsrechtliche Reformen. Alles richtig und wichtig. Man kann aber auch schon einmal damit anfangen, über sein eigenes Einkaufsverhalten nachzudenken.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Auf Kaffeehaussitzer blogge ich über Literatur. Und als Literaturblogger würde ich niemals meine Buchtipps mit Links zu Amazon versehen. Da käme zwar etwas Geld zusammen, aber gleichzeitig hätte ich das Gefühl, meine Seele verkauft zu haben.

Denn wir haben die Wahl. Jeden Tag.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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