Kaffeesatzlesen für eine Dekade Wie verändert sich die Buchbranche?

DSC_2294

Die Zeitschrift „Streifband“ wird herausgegeben vom Studiengang Buch- und Medienproduktion der HTWK Leipzig und erscheint seit 1996 jeweils zu den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt. Ende des letzten Jahres erhielt ich eine Anfrage der Streifband-Redaktion, ob ich für das Leipzig-Heft 2016 einen Text über die Zukunft der Buchbranche schreiben wolle. Zuerst war ich – ehrlich gesagt – etwas erschrocken ob dieser Herausforderung; der Umbruch in unserer Branche ist so gewaltig, dass ernsthafte Prognosen schwierig sind. Doch dann erschien diese Aufgabe in einem immer reizvolleren Licht, schließlich habe ich seit 1993 beruflich mit Büchern und Medien zu tun und bin selbst sehr gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. So versuchte ich mich an einer Kaffeesatzleserei, um – rein subjektiv – vorherzusagen, wohin die Reise gehen mag. Der Text erscheint in Streifband 27 im März 2016. Und gleichzeitig hier in diesem Blog.

Betrachtungszeitraum

Vor dem Hintergrund der vielfältigen technischen Veränderungen in den letzten Jahren und einer Entwicklung, die gerade erst begonnen hat, genügt es, sich zehn Jahre als Betrachtungszeitraum vorzunehmen. In einer Dekade wird es technische Möglichkeiten geben, die wir uns im Moment noch nicht einmal vorzustellen vermögen. Bei einem Blick zurück erscheint es heute aber gleichzeitig absurd, dass vor einigen Jahren von so manchen ambitionierten Digitalpionieren der baldige Tod des gedruckten Buches ausgerufen wurde.

Buchbranche? Welche?

DIE Buchbranche gibt es nicht, zu vielfältig ist sie in ihren Ausprägungen. Zwei Bereiche klaffen in den Bereichen Digitalisierung und Rezeption bereits meilenweit auseinander: Das Fachbuch und der Bereich Belletristik/Sachbuch. Im Fachbuch ist die Digitalisierung besonders weit fortgeschritten, naturwissenschaftliches, aber auch juristisches Arbeiten ist ohne eJournals und Datenbanken schon längst nicht mehr denkbar. Der Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen, auch bei den traditionell papieraffineren Juristen werden die Bibliotheksregale in den Kanzleien verschwinden. Verlage, die ihre Werke nicht in den marktführenden Datenbanken unterbringen können, haben bereits mittelfristig ein ernstes Problem – denn Fachautoren veröffentlichen nur dort, wo sie auch gesehen und zitiert werden. Momentan erwirtschaften bei allen großen Fachverlagen Zeitschriften und Loseblattwerke als Cash-Cows einen wichtigen Umsatzanteil. Die Herausforderung der Verlage wird u.a. darin bestehen, insbesondere diesen Anteil ins Digitale zu übertragen.

Und wie wird der Bereich Belletristik in zehn Jahren aussehen? Die Diskussion Print vs. E-Book wird dann hoffentlich nicht mehr geführt werden. Auch wenn momentan eine Stagnation der E-Book-Verkäufe zu beobachten sein mag (je nachdem, welcher Statistik man glaubt), werden sich elektronische Bücher in den nächsten Jahren mehr und mehr Umsatzanteile sichern. Besonders die Unterhaltungsliteratur wird in einer Dekade zu großen Teilen digital gelesen werden, der Taschenbuchmarkt sich deutlich verkleinern. Gleichzeitig werden gedruckte Bücher aufwändiger hergestellt, um das für viele Buchmenschen enorm wichtige – und wichtige bleibende – Argument der Haptik und Optik zu bedienen. Der Trend in diese Richtung ist bereits jetzt zu beobachten. Interessant ist dabei, dass Verlage, die als reine E-Book-Verlage gestartet sind, gerade damit beginnen, auch gedruckte Bücher herauszugeben. Bei CulturBooks heißen tragen sie dann charmanterweise den Reihentitel „Unplugged“. In zehn Jahren werden gedruckte Bücher stets einen Zugangscode zum Download des entsprechenden E-Books enthalten, um das auf die jeweilige Situation angepasste optimale Leseerlebnis zu ermöglichen. Der Weg in diese Richtung war schon von einigen engagierten Verlagen beschritten worden, bis 2015 die deutsche Steuergesetzgebung mit der unsäglichen E-Bundle-Regelung dieses zarte Pflänzchen der Innovation zertrampelt hat.

In diesem Zusammenhang über medienneutrale Datenproduktion zu reden, ist eigentlich müßig; es ist schließlich eines der wichtigsten und entscheidendsten Themen. Und Verlage, die sich damit nicht auseinandersetzen, wird es in zehn Jahren wohl nicht mehr geben.

Bei weiteren wichtigen Marktsegmenten wie dem Kinderbuch oder dem Kochbuch ist eine Prognose schwierig. Als haptischer Mensch und begeisterter Vorleser hoffe und glaube ich persönlich, dass Kinderbücher auch in zehn Jahren vor allem in gedruckter Form existieren. Momentan ist die Nachfrage ungebrochen, was mich in dieser Vermutung bestärkt. Für viele Kinder sind ihre Bücher wie gute Freunde, und für diese Projektion braucht es einen Gegenstand, keine Datei. Auch das Vorlesen aus einem E-Book ist für mich ein gruseliger Gedanke, aber umso mehr bin ich gespannt, wie es im Jahr 2026 aussehen wird.

Und was Kochbücher angeht: Sie werden nicht nur den darin enthaltenen Rezepten wegen gekauft, denn Kochrezepte gibt es hunderttausendfach gratis online. Ansprechend gestaltet ist ein Kochbuch nicht nur eine Rezeptsammlung, sondern vermittelt ein Stück Vorfreude auf ein gelungenes Essen mit der Familie und mit Freunden. Es ist ein Stück Lifestyle und als solches wird es auch den digitalen Wandel begleiten. Auch hier wird es E-Bundle-Lösungen geben, um das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt miteinander zu vereinen: Das Kochbuch zum genüsslichen Blättern, das Rezept auf dem iPad neben dem Herd.

Selfpublisher

Das Thema Selfpublishing ist in aller Munde, dabei ist es nichts Neues. Vor ein paar Jahren hießen Selfpublisher noch Selbstverleger und die so publizierten Werke waren in erster Linie Ergebnisse eines Selbstverwirklichungshobbys. Daran hat sich bei gefühlten 95 Prozent der heutigen Selfpublishing-Titel zwar nichts geändert, aber durch die neuen Möglichkeiten des Publizierens und der Vermarktung ist eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten. Erfolgreiche Selfpublisher kaufen Dienstleistungen wie Lektorat, Korrektorat, Herstellung und Vermarktung ein, so dass dadurch eine ganze eigene, kleinteilige Verlagslandschaft im Entstehen begriffen ist. Für entsprechende Spezialisten der genannten Dienstleistungen könnten dadurch in den nächsten Jahren auch außerhalb der Verlagsbranche neue Job-Möglichkeiten entstehen. Und auch für etablierte Schriftsteller könnte dies ein gangbarer Weg sein, wie das Beispiel von Cornelia Funke und dem US-amerikanischen Buchmarkt zeigt.

Social Reading

Social-Reading-Plattformen wie LovelyBooks oder Goodreads sind die moderne Fortführung der Lesezirkel, in denen man sich mit ähnlich Interessierten zum Austausch über Literatur trifft – früher im großbürgerlichen Salon, heute im egalitären Netz. Beiden gemeinsam ist das Reden über ein Buch nach dessen Lektüre, kapitelweise oder im Ganzen. Über Bücher zu reden ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und deshalb wird die Buchszene im Netz von den genannten Großplattformen bis hin zu den unzähligen privat betriebenen Blogs zunehmend an Bedeutung gewinnen und in zehn Jahren das klassische Feuilleton weit hinter sich gelassen haben. Social-Reading-Plattformen, in denen „live“ gelesen und beim Lesen kommentiert und diskutiert werden kann – wie etwa Sobooks oder der FAZ-Lesesaal – werden dabei allerdings keine große Rolle spielen und höchstens ein Nischendasein führen. Denn der eigentliche Akt des Lesens ist eine zutiefst einsame Beschäftigung und genau dies ist auch das Reizvolle daran; der Rückzug aus dem Alltag, aus der Gegenwart. Daran wird sich nie etwas ändern, egal welches Medium man dafür nutzt.

Der Buchhandel

Der Buchhandel ist momentan die wichtigste Vertriebsform für Bücher und Literatur. Wird er das bleiben? Fest steht, dass auch in zehn Jahren engagierte, begeisterte Menschen mit Herzblut Bücher verkaufen werden. Aber die Strukturen verändern sich stark, wobei es schon lange nicht mehr reicht, sich hinter seinen Ladentisch zu stellen und auf Kundschaft zu warten. Von einem Buchladen der Zukunft erwarte ich neben einem selbstverständlichen guten Service, ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment, das die Entdeckung neuer Autoren und neuer Inhalte ermöglicht. Dazu gehören Lesungen und andere Veranstaltungen, Informationen per Newsletter und sozialen Medien, Aktionen, Engagement im Stadtteil und vieles mehr, was einen Buchladen schon heute zu einer Kulturtankstelle macht. Buchhandlungen ohne Service und ohne Engagement werden verschwinden – und das zu recht. Auch Großflächen werden weniger, die Branche insgesamt kleinteiliger werden.

Die Online- und die reale Welt verschmelzen auch hier immer stärker miteinander, Webauftritte, Webshops, Blogs und Partizipation in den sozialen Medien ergeben zusammen mit einem Einkaufserlebnis in angenehmen Ambiente eine Mischung, die auch in zehn Jahren einem Riesen wie Amazon die Stirn bieten kann. Überhaupt Amazon: Was wird dieser ungeliebte aber immens wichtige Innovationstreiber in einer Dekade anbieten? Bei dem vorgelegten Tempo eine schwierige Vorstellung. Wird es flächendeckend stationäre Amazon-Buchhandlungen geben? Oder wird andererseits der Tolino den Kindle vom Thron gestoßen haben? Der destruktive Schub, mit dem Amazon die Buchbranche umgekrempelt hat, scheint momentan in konstruktive Innovationen zu münden, die allen Beteiligten nutzen. Wobei der Buchbereich schon längst nicht mehr das wichtigste Geschäft des Giganten aus Seattle ist und an Bedeutung für ihn weiter verlieren wird. Aber alleine, dass es jetzt die erste Amazon-Buchhandlung gibt, ist als untrügliches Zeichen zu werten, dass gedruckte Bücher eine Zukunft haben.

Der Fachbuchhandel wiederum wird sich noch stärker dem Service-Gedanken verschreiben müssen, um überlebensfähig zu bleiben, denn ob es in zehn Jahren noch genügend gedruckte Fachmedien geben wird, um davon leben zu können, ist fraglich. „Alles-aus-einer-Hand“-Lösungen wie etwa das Media-Center von Schweitzer Sortiment, durch das ein Kunde seine maßgeschneiderte Datenbank erstellen kann, sind Schritte in die richtige Richtung.

Fazit

In 7.000 Zeichen über die Zukunft einer Branche im Wandel zu räsonieren, ist eine echte Herausforderung. Vieles muss ungesagt bleiben; um richtig in die Tiefe zu gehen, wäre eine Null mehr nötig gewesen. Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich nicht an einen abrupten, radikalen Wandel aller Lesegewohnheiten glaube, wie er vor ein paar Jahren noch angekündigt wurde. Verändern wird sich vieles, doch ich sehe eine Zukunft, in der sich das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt immer stärker miteinander verbindet. Die Aufgabe der Buchbranche ist es, diesen Wandel zu gestalten und die Komfortzone rechtzeitig zu verlassen, bevor es diese nicht mehr geben wird.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da stimme ich in jedem Punkt überein. Die Einschätzungen, wie sich die Vertriebskanäle entwickeln, ist sicher am schwierigsten. Hier spielen Aspekte eine Rolle, die dann doch zu einem sehr abrupten Wandel führen könnten, z. B. das Fallen der Preisbindung oder die Entwicklung von Übersetzungsprogrammen und ein vereinfachte internationaler eBook-Erwerb. Kann mir vorstellen, dass viele Thriller und sonstige Unterhaltungsbestseller ausreichend von einem Übersetzungsprogramm übertragen werden können. Was mich über Deine hier angesprochenen Aspekte noch hinaus beschäftigt, ist die Zukunftsfrage, wie sich die (literarischen) Genres entwickeln. Die enorm gewachsene Bedeutung von Fantasy und Thrillerliteratur, die endlose Lebenshilfe und Ratgeberliteratur und die nicht abebbende Flut an Trivialliteratur wie 50 Shades lässt einen unken, dass der anspruchsvolleren Belletristik allmählich die LeserInnen aussterben.

  2. Pingback: #netzrundschau 03/2016 | SchöneSeiten

  3. Anspruchsvolle LeserInnen waren schon immer eine eingeschworene Gruppe. Sie werden dafür sorgen, dass anspruchsvolle Verlage und Buchändler jenen Stoff liefern, den sie zum Überleben brauchen.

  4. Pingback: Bücher und Koffein | Kaffeehaussitzer

  5. Pingback: Der Adrenalinrausch legt sich: Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski im Interview - litnity

Schreibe einen Kommentar


%d Bloggern gefällt das: