Im Gespinst des Dichters Über Dichterlesungen

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Ein Gemeindesaal in Bonn. Eine kleine Bühne, ein Sessel, ein Tisch, eine Leselampe. Das Publikum im Halbdunkeln. Ein paar Worte an die Zuhörer durch den Dichter. Er werde ohne Pause am Stück lesen, um den Spannungsbogen zu halten. Stille.

Der Dichter liest aus seinem Buch. Die Atmosphäre verdichtet sich. Das Geschriebene wird im Gesprochenen anders lebendig. Der Dichter weiß, wo er seine Stimme zu modulieren hat. In diesem Fall ist der Dichter ein früherer Schauspieler. Er »spielt« seinen Roman. Er macht es grandios. Robert Seethaler liest aus »Ein ganzes Leben«.

II

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Die Dichterin hat gerade den »Deutschen Buchpreis« gewonnen. Die Aufmerksamkeit ist voll auf sie gerichtet. Auf der Frankfurter Buchmesse begegnet man ihr an den Ständen der Presse- und Fernseh-Medien. Nicht die Dichtung, sondern die Person des Dichterin steht im Mittelpunkt. Diese lässt es gleichförmig über sich ergehen, so als füge sie sich einer medialen Notwendigkeit. Später liest sie auch noch. Am Stand ihres Verlages. Das Buch ist nicht einfach. Es besteht einerseits aus seiner Geschichte und – durch einen Strich auf der Buchseite getrennt – aus Tagebucheinträgen und Notizen. Kann sie das im Vortrag zum Ausdruck bringen? Nein! Die Lesung ist nüchtern, wie der Gegenstand der Erzählung. Terézia Mora liest aus »Das Ungeheuer«.

III

Dichterlesungen sind für Autor wie Zuhörer spannend. Der Autor erlebt die Reaktion auf das Gelesene, das Publikum lauscht einer Interpretation und kann im besten Fall hinterher beim Dichter nachfragen. Beide Seiten treten aus der Einsamkeit heraus und begegnen sich. Das verspricht Spannung und Anregung – ein dichter Abend eben.

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Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

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