Frauen lesen anders. Männer auch. Eine kleine Literaturblog-Statistik

Literaturblogs

Seit über zwei Jahren ist mein Literaturblog Kaffeehaussitzer online. Zwei Mal schon wurde ich in dieser Zeit gefragt, warum dort hauptsächlich Bücher von männlichen Autoren vorgestellt werden. Schon beim ersten Mal bin ich stutzig geworden und habe nachgezählt. Seit kurz darauf die Frage von jemand anderem wiederholt wurde, denke ich darüber nach, warum das so ist. Denn es stimmt, auf der Bücherliste des Blogs stehen (Stand heute) 109 Autorennamen, davon sind zehn weiblich, was einem Prozentsatz von 9,2 % entspricht. Ich habe meine Buchregale durchforstet und auch dort dürfte  – nach oberflächlichen Stichproben zu urteilen – das Verhältnis ein ähnliches sein.

Aber wähle ich meine Bücher bewusst danach aus, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben sind? Spontan würde ich sagen nein, auf keinen Fall. Wenn ich in einer Buchhandlung stöbere, muss mich bei einem unbekannten Autorennamen zuerst das Cover ansprechen, der Titel Interesse wecken, der Klappentext neugierig machen. Erst dann schaue ich, wer das Buch eigentlich geschrieben hat. Eigentlich. Wahrscheinlich läuft da eine ganze Menge im Unbewussten ab. Auf jeden Fall ist es so, dass ich lieber Bücher lese, bei denen der Protagonist männlich ist – ich kann mich besser mit der fiktiven Person identifizieren, die Handlungen intensiver nachvollziehen. Bei einer weiblichen Hauptfigur bleibt immer ein kleiner Abstand zwischen mir und dem Roman. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Buch aus der Feder eines Autors oder einer Autorin stammt. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist „Alle Menschen sind sterblich“ von Simone de Beauvoir – mit einem männlichen Protagonisten. Erst kürzlich las ich „Der Grund“ von Anne von Canal, ein großartiges Buch – mit männlicher Hauptfigur.

Mein Lieblingsheld ist tragischer Natur, ein Einzelgänger, einer der schon viel eingesteckt hat, dem das Schicksal übel mitspielt. Einer der sich zwischen Fatalismus und Zorn noch einmal aufbäumt. Am liebsten erzählt in einer melancholischen, klaren und kargen Sprache, ein Happy End ist dabei nicht notwendig. Könnte eine Autorin ein Buch wie „Die Straße“ schreiben? Bestimmt, aber wenn es in diesem Buch nicht um einen Vater gehen würde, der mit seinem Sohn um das Überleben nach der Apokalypse kämpft, sondern um eine Mutter mit ihrer Tochter – würde mir das Buch dann so nahegehen? Denn es ist so: Als ich das Buch „Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann“ von Ece Temelkuran gelesen habe, war ich sehr begeistert von der Story, von der Sprache, von dem Roman. Ein Roadmovie. Vier Frauen fahren quer durch den Arabischen Frühling von Tunis nach Beirut. Vier faszinierend gestaltete Charaktere, aber letztendlich blieben sie mir etwas fremd, zu frauenspezifisch waren die Dialoge, die Probleme, die Handlungen der Protagonistinnen, dass mir als männlicher Leser die endgültige Identifikation verwehrt blieb. Auch an die Heldin in Doris Knechts „Wald“ kam ich nicht richtig heran, obwohl sie genau so eine vom Schicksal gebeutelte und auf sich allein gestellte Protagonistin war, wie ich oben beschrieben habe. Das Buch hat mir sehr gut gefallen, aber zwischen mir und der Hauptperson ist der Funke nicht übergesprungen, manche ihrer Beweggründe konnte ich nicht nachvollziehen. Frauen und Männer sind anders, handeln anders. Und lesen anders.

Aber wie dem auch sei, es liegt mir fern, hier eine Gender-Debatte vom Zaun brechen zu wollen. Denn wie hat der geschätzte Bloggerkollege Tobias Nazemi in seinem Blog Buchrevier geschrieben: Bei der Genderthematik kann man eigentlich nur verlieren. Egal, welchen Standpunkt man vertritt – der Shitstorm ist beinahe vorprogrammiert. Und erst kürzlich war in der FAZ ein etwas seltsamer Artikel zu lesen, wonach Männer eigentlich gar keine Romane lesen würden. Nun, dann kenne ich jedenfalls ziemlich viele Gegenbeispiele, mich eingeschlossen.

Doch es würde mich interessieren, wie das Verhältnis Autoren/Autorinnen bei anderen Literaturblogs aussieht. Ist meine Buchauswahl eine Ausnahme oder typisch männliches Leseverhalten? Deshalb habe ich mir einmal die Bücherlisten von einigen Blogs angeschaut, die ich sehr schätze.

Es handelt sich dabei um die von männlichen Blogger von Analog-Lesen, 54books, brasch & buch, lustauflesen.de, buchrevier und Muromez. Und zum Vergleich die weiblichen Blogger von Literaturen, Buzzaldrins Bücher, Glasperlenspiel13, Schöne Seiten, Frau Hauptsachebunt sowie Das graue Sofa.

Und hier die Zahlen (Stand KW 32/2015): Bei den „männlichen“ Blogs bewegt sich die Anzahl der besprochenen Autorinnen zwischen 6,8 % und 21,8%, bei einem sind es sogar 28,3%. Bei den weiblichen Blogs sind nur zwei unter 30%, alle anderen bewegen sich zwischen 38,8% bis hin zu 54,2%. Kumuliert man die Zahlen, wird das Ergebnis noch eindeutiger: In den sechs „männlichen“ Literaturblogs werden im Schnitt 15,2% Werke von Autorinnen vorgestellt, bei den „weiblichen“ Blogs sind es im Schnitt 38,2%, also deutlich mehr als doppelt so viele.

Nun ist es natürlich keine aussagekräftige Studie, die ich durchgeführt habe. Und mit Statistiken ist es ja auch immer so eine Sache, wie wir seit Churchill wissen. Es sollte nur eine Stichprobe sein, um eine Tendenz erkennen zu können. Im übrigen ist es mir letztendlich auch völlig egal, ob ein Buch von einem Autor oder einer Autorin stammt: Hauptsache, es begeistert mich. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich allen Literaturinteressierten die genannten Blogs und noch einige andere aus meiner Blogliste unbedingt ans Herz legen.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Spannender Beitrag! Tatsächlich lese auch ich derzeit lieber ‚männliche‘ als ‚weibliche‘ Literatur (und meine damit nicht das Geschlecht des Autors, sondern die Themen, das Setting, die Sprache), habe vor allem eine Schwäche für den Noir entdeckt, wohl ein typisch ‚männliches‘ Segment. Meine Statistik entwickelt sich also gerade sehr zu Ungunsten der Frauen. Aber wie ist sich wohl bei meinen Kolleginnen verhält?

    Aus den Zahlen, die du ermittelt hast, ergeben sich aber noch ganz andere, tiefergreifende Fragen, allen voran: Warum werden überhaupt so wenige weibliche Autoren gelesen und gesprochen, auch seitens der Bloggerinnen? Warum ist das Verhältnis nicht genau spiegelverkehrt, also Männer lesen zu 15% Frauen und Frauen lesen zu 15% Männer? Augenscheinlich gilt hier das Argument, das du für dich selbst anführst, nicht mehr: dass man sich vor allem mit Protagonisten des eigenen Geschlechts identifizieren kann. Hat es stattdessen vielleicht mit dem Markt zu tun? Damit, dass die Bücher männlicher Autoren präsenter sind, mehr gehypt werden? Dass es schlichtweg mehr Bücher von Männern gibt oder – würden Ketzer jetzt einwerfen – mehr gute Bücher von Männern?

    • Gute Frage. Für mich kann ich nur sagen, dass ich wohl deshalb eher zu männlichen Autoren greife, da bei deren Romanen fast immer auch der Protagonist männlich ist – zumindest gefühlsmäßig, ohne das jetzt durch konkrete Zahlen untermauern zu können. Andererseits können – zumindest nach meinem subjektiven Empfinden – sich Autorinnen besser in die Gedanken- und Gefühlswelt eines männlichen Protagonisten einfühlen, als umgekehrt. Das genannte „Der Grund“ ist dafür ein perfektes Beispiel.

  2. Mir ist bspw. aufgefallen, dass im Bereich der Science-Fiction sehr, sehr wenige Frauen dieses Genre lesen und noch weniger Frauen in diesem Bereich schreiben.

    Schreiben Männer vielleicht zu technisch und verkopft? Liegt es vielleicht daran, dass der SciFi-Autor (Klischee: meist sind es Physiker) nur der Beschreibung technischer Eigenschaften Aufmerksamkeit schenkt, nicht aber tiefgehenden Charakteren?

    Deshalb hatte ich bei Twitter den Hashtag #WasFrauenLesen begonnen.

    Eine gute Antwort in dieser Diskussion war:

    „Wenn man [den weiblichen Charakter] auch durch eine Stehlampe ersetzen und es würde nix am Plot ändern.“

    Da haben wir schon einmal eine Erkenntnis:
    Platte weibliche Charaktere schrecken insb. weibliche Leser ab.

    Dies wäre eine Erklärung, warum Frauen eher zu Autorinnen greifen.
    Und so auch eine Deutungsmöglichkeit, warum Bloggerinnen doppelt so häufig Schriftstellerinnen lesen als ihre männlichen Bloggerkollegen.

    Anders herum erschließt sich mir nicht ganz, warum im Verhältnis weniger Autorinnen tätig sind bzw. veröffentlichen, obwohl sie einer Studie aus dem Jahr 2013 den größeren Teil der Leserschaft stellen und häufiger Bücher kaufen.

    • Im Bereich Science Fiction bin ich selten unterwegs, daher danke für diesen ergänzenden Kommentar. Dem genannten Hashtag werde ich gerne folgen und bin gespannt, was es zu diesem Thema für Kommentare und weiterführende Links gibt.

  3. Möglich wäre auch, dass Bücher von Frauen von Verlagen schon als „für Frauen“ gesehen werden und dadurch entsprechend vermarktet werden. Das könnte dann zB heißen, dass das Cover „typischen Frauenromanen“ ähnelt etc.
    So wird das dann natürlich eine selbsterfüllende Prophezeiung. Das muss keine Absicht sein, kann aber auch unterbewusst passieren.

    Aber es dürfte auch mit reinspielen, dass Frauen insgesamt weniger Öffentlichkeit im Feuilleton bekommen und ihnen seltener Literaturpreise verliehen werden. Woher das kommt, Sexismus, Überzahl männlicher Autoren, bearbeitete Genres kann man sicherlich diskutieren.

    Der Effekt als weiblich zu erkennender Namen ist aber wahrscheinlich auch nicht zu unterschätzen. Für die Harry Potter Bücher wurde (wenn ich mich recht entsinne) vom Verlag explizit der Autorenname „J. K. Rowling“ gewählt, weil sie befürchteten, wenn der Eindruck entsteht, „dass das von einer Frau kommt“ würden sich die Bücher bei Jungen nicht so sehr verkaufen.

    Das hat dann in unterschiedlicher Stärke alles Einfluss auf die Kaufentscheidungen, bewusst oder unbewusst.

    • Was die Coverfrage angeht, kann ich mir das auch gut vorstellen. Wobei es – wie stets – natürlich auch Gegenbeispiele gibt: Bei diesem Buch hier wirken Covergestaltung und Titel wie ein typisches „Frauenbuch“, obwohl das Buch von einem Mann geschrieben wurde: http://kaffeehaussitzer.de/verwirrspiel-in-rio-de-janeiro/
      Ich hätte es mir aufgrund der Gestaltung sicherlich nicht näher angeschaut, wenn ich nicht bei der Leipziger Buchmesse zufällig in eine Lesung des Autors gestolpert wäre…

  4. Hab das soeben mal gecheckt, weil ich noch nie drauf geachtet habe und wirklich wichtig isses mir auch nicht. 10 Rezensionen zu weiblich, 15 zu männlich, seit ich angefangen habe, zu rezensieren. Was sagt das? Männer fallen eher in mein Lesespektrum? Hm. Sind ein paar Sachen dabei, die ich im Rahmen von Challenges gelesen habe ( z.B. Nobelpreisträger: Herta Müller, Doris Lessing) und BEWUSST ausgesucht hatte, während ich ansonsten eher nach Klappentext entscheide. Cover definitiv uninteressant. Typische Frauenrubriken wie Liebesromane lese ich auch nicht. Bin eher der Thriller-Leser.

    Mir ist auch…wenn ich jetzt mal tief in mir forsche…das Geschlecht des Protagonisten völlig wurscht. Ich kann irgendwie mit dem Gender-Kram so gar nicht, kann es sein, daß das überbewertet ist? *grübel* . Mir ist auch egal, ob ich von Verkaufsseite als „Frau Leser“ wahrgenommen werde, mir reicht Leser oder Leserin völlig. Finde das Thema trotzdem spannend.

Schreibe einen Kommentar


%d Bloggern gefällt das: