Es hätte so schön sein können. Der Fiskus und die E-Books

E-Book-Bundle
So stellte ich mir bis vor Kurzem komfortables Lesen vor: Ich kaufe ein Buch in einer Buchhandlung und beginne zuhause darin zu lesen. Dann muss ich los, mit der Straßen-, U- oder sonst einer Bahn irgendwohin. Also schaue ich vorne in den Umschlag des Buches, finde dort einen Code, gebe diesen bei einem E-Book-Anbieter meiner Wahl ein und lade mir die elektronische Version des vorhin gekauften Buches schnell auf mein Smartphone. Oder auf mein Tablet. Oder meinen E-Reader. Ohne weitere Kosten. Unterwegs kann ich entspannt ein paar Seiten in der elektronischen Version weiterlesen. Und danach wieder im gedruckten Buch, ganz wie ich will. Das Beste aus zwei Welten vereint, die Freiheit des Lesers, sich für die der Situation optimal angepasste Version zu entscheiden. Mir persönlich ist die Haptik der Bücher wichtig, unterwegs würde ich aber auch auf die elektronische Version zugreifen, wenn sie im Preis inbegriffen wäre.

Würde. Wäre. Denn so einfach ist das alles leider nicht. Die ersten Ansätze waren da, die ersten Verlage begannen, ihre gedruckten Bücher mit E-Book inklusive zu veröffentlichen, auf der Plattform lesen.net wurde 2013 gejubelt: Buch plus eBook: Bundles erobern den Buchmarkt. Es begann zu funktionieren, alles hätte so schön sein können. Ein zartes Pflänzchen der Innovation. Das leider die Rechnung ohne die deutsche Finanzverwaltung gemacht hatte. Der Fiskus ist ja sehr einfallsreich darin, neue Geldquellen anzuzapfen und hier bot sich eine neue Möglichkeit. Denn gedruckte Bücher sind bekanntlich mit sieben Prozent Mehrwertsteuer versehen – ein ermäßigter Satz zur Förderung der Lesekultur – während für elektronische Publikationen der übliche Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent fällig wird. Verschenken gilt nicht und so wurde am 2. Juni 2014 das zarte Pflänzchen der digitalen Innovation wieder ausgerissen. Oder zumindest wüst niedergetrampelt.

An diesem Tag nämlich hat das Bundesministerium der Finanzen die Buch- und Zeitschriftenverbände darüber informiert, wie zukünftig die Besteuerung sogenannter Bundle-Angebote vonstatten gehen soll. Nach Meinung des Fiskus kann und darf es nicht sein, dass zu Produkten mit ermäßigtem Mehrwertsteuersatz einfach so Produkte mit vollem Mehrwertsteuersatz dazu geschenkt werden. Folglich hat der Anbieter bzw. der Verkäufer die Differenz steuerlich zu entrichten. Dabei ist ein angemessener Wert des verschenkten Gegenstands anzunehmen. Was bedeutet, dass ein Verlag das kostenlos zur Verfügung gestellte E-Book oder den kostenlosen Abonnentenzugang zum Online-Archiv einer Zeitschrift mit einem einigermaßen realistischen Wert beziffern, darauf die 19 Prozent Mehrwertsteuer ansetzen und die Differenz zu den sieben Prozent des eigentlichen Buches ebenfalls abführen muss. Beziehungsweise an den Buchhandel weitergeben, der dies wiederum dem Endkunden zu berechnen hat. Also werden die Bundle-Angebote entweder deutlich teurer oder sie finden nicht mehr statt. Denn der „angemessene“ Wert ist wiederum Ermessenssache der Steuerfahndung. Sicherheitshalber haben etliche Verlage die schöne Bundle-Idee wieder fallengelassen, so dass ich als Kunde das E-Book nochmals erwerben muss, wenn ich die Vorteile beider Welten ausschöpfen möchte.

Die neue Regelung gilt seit dem 1. Juli 2014, also nur wenige Wochen nach deren Bekanntgabe. Über nachträglich anzurechnende Übergangszeiten wird noch diskutiert. Was bei belletristischen Verlagen als Innovationsbremse wirkt, hat bei Fachverlagen aber noch viel dramatischere Folgen. Denn die neue Regelung betrifft auch Fachzeitschriften und Loseblattprodukte. Ja, diese gibt es noch und sie generieren nach wie vor ordentliche Umsätze – aber ein Zugang zu einer gleichzeitigen elektronischen Version ist in vielen Fällen selbstverständlich geworden und wird von den Beziehern erwartet. Auch die Abonnenten der Fachzeitschriften recherchieren natürlich im zugehörigen Online-Archiv. Dieses Rad kann man glücklicherweise nicht so einfach durch eine restriktive Steuergesetzgebung zurückdrehen, aber um die entstehenden Umsatzverluste aufzufangen sind spürbare Preiserhöhungen kaum zu vermeiden.

Wie es jetzt weitergeht? Die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für E-Books auf ebenfalls sieben Prozent wird schon lange gefordert und auf EU-Ebene diskutiert, aber ob sich der Fiskus so einfach von seinen Steuereinahmen trennt, erscheint fraglich. Hoffen wir das Beste. Und bis dahin müssen sich die Leser weiterhin entscheiden, ob sie ein Buch gedruckt ODER elektronisch lesen möchten. Wenn sie beides wollen, müssen sie es zweimal kaufen. So wie die Steuergesetzgebung familienpolitisch durch die Aufteilung in die Steuerklassen Drei und Fünf ein überholtes Familienmodell zementiert, so bremst sie durch die E-Book-Bundle-Regelung den technischen Fortschritt der Digitalisierung.

Im Buch- und Literaturblog Papiergeflüster gibt es einen sehr lesenswerten Beitrag zu derselben Thematik, inklusive einer genauen Auflistung, was wann wie zu versteuern ist. Dadurch wird die Absurdität unserer Steuergesetzgebung erst richtig deutlich.

10 Februar 2016: Nachtrag, etwas mehr als ein Jahr später:
Die steuerliche Ungleichbehandlung von Büchern (7%) und eBooks (19%) ist nach wie vor eine der größten Innovationsbremsen in der Medienlandschaft. Diese unsinnige Unterscheidung wurde durch eine heute veröffentlichte BFH-Entscheidung leider noch einmal verstärkt. Zumindest so lange, bis es zu einer europäischen Entscheidung kommt.

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Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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