Eine Epoche als literarische Miniatur

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Geschichte kann man sich rein faktisch nähern oder…fiktiv.

Der Zufall bescherte mir zwei ideal aufeinander aufbauende Werke als Lektüre. Mercè Rodoredas’ »Der Garten über dem Meer« und Joan Sales, »Flüchtiger Glanz«.

Im »Der Garten über dem Meer« entfaltet sich über den Zeitraum von sechs Sommern das Leben der  »besseren« katalanischen Gesellschaft in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren. Bei Rodoreda setzt sich das Bild aus den Dialogen vieler Personen zusammen. Der äußere Glanz kann nicht verbergen, dass sich hier bereits die Risse einer zu Ende gehenden Epoche zeigen, die schließlich in einem Bürgerkrieg enden wird.

Sind die hier dargestellten Verwerfungen nicht ein Spiegelbild dessen, was sich im Großen an tektonischen Veränderungen politisch wie sozial schon zeigt?

Bleibt die weitere Entwicklung am Ende der Lektüre offen, scheint Sales mit »Flüchtiger Glanz« als Anschlusslektüre Antworten zu geben. Sales erzählt den Bürgerkrieg mithilfe zweier Briefsammlungen und einem Rückblick aus 20-jährigem Abstand. Bei ihm kommen die Stimmen derjenigen zu Wort, die gegen die überlieferte Ordnung aufbegehren. Seine Schilderung lässt den Leser spüren, woraus sich diese Wut speist und was die Protagonisten antreibt, für eine neue Gesellschaft zu kämpfen.

Als Leser fühlt man sich in beiden Lektüren »mittendrin«, ist vom Geschilderten angezogen und abgestoßen zugleich.

Vor dem Auge des Lesers entfaltet sich diese Epoche der spanischen Geschichte wie ein lebendiges Wandgemälde, voller Reichtum, voller Tragik, voller Schönheit und in einer Verdichtung, wie es Picasso bei seinem  »Bürgerkriegsbild« Guernica gelungen ist.

Welch ein Glück, dass die Bücher 2014 bzw. 2015 den deutschen Markt erreichten. Diese impressionistischen Romane zeigen, wie zeitlos Literatur sein kann und den modernen Menschen zu erreichen vermögen.

Das Werk »Der Garten über dem Meer« präsentiert sich mit einer bezaubernden Ausstattung, einem gestalteten Bezug für Schuber und Buch, einer wunderbaren Typografie und auf edlem Papier.  Diese  Umsetzung repräsentiert den Glanz dieser Epoche. Dass Sales »Flüchtiger Glanz« konventionell  ausgestattet und produziert ist, passt hier ebenso, denn es ist ja ein karges »Kriegsbuch«.

Nach der Lektüre haben die beiden Werke einen gemeinsamen Platz im Bücherregal gefunden, entgegen der üblichen Sortierlogik nach Autorennamen, nebeneinander.  Beide zusammen bilden ein »Regal-Gemälde« das im Zusammenwirken seinen Glanz entfaltet.

Aus Fiktion wird Geschichte aus zwei Federn lebendig aufgeschrieben wie selten.

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Den wunderschön anzusehenden „Garten über dem Meer“ las ich auch, gern, das Buch zur Ergänzung klingt sehr interessant. Ich kann gut verstehen, dass du da eine Sortierausnahme gemacht hast, das mache ich in solchen Fällen manchmal auch …
    Herzliche Grüße
    Petra

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