Die Freiluftbibliothek

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Seit zehn Jahren trägt in der Stadt Bonn die Idee Früchte, den Bürgern einen »Offenen Bücherschrank« zur freien Ausleihe von Büchern an verschiedenen Stellen der Stadt anzubieten.

Die schlichte Grundüberlegung lautete: »Buchausleihe ohne Formalitäten und Zugang für alle.«

Bücher sollten in einem öffentlich zugänglichen Möbel entnommen und nach Nutzung wieder eingestellt werden können. Stille Kuratoren in der Nachbarschaft kümmern sich um den Bestand und Zustand eines öffentlichen Bücherregals. Aber der Erfolg des Gedankens beruht auch auf dem überragenden Design.

Die Initialzündung
Als die Bürgerstiftung der Stadt Bonn 2002 einen Wettbewerb für die Belebung des kulturellen Lebens auslobte, reichte die junge Designerin Trixy Royeck eine von ihr entwickelte wetterfeste Bücher-Stele aus Stahl, einen »Offenen Bücherschrank«, als Vorschlag ein.

Diese sollte – an einer geeigneten Stelle im städtischen Raum aufgestellt – Bücher zur formalitätsfreien Ausleihe anbieten.

Die Gestaltungsentwurf fiel so überzeugend aus, dass die Jury ihr den ersten Preis zuerkannte und im Jahr 2005 in Bonn, am Beginn der belebten Poppelsdorfer Allee, das erstes Modell aufstellen ließ.

Heute, knapp zehn Jahre später, ist der »Offene Bücherschrank« aus dem städtischen Leben nicht mehr wegzudenken. Der Erfolg hat verschiedene Ursachen.

Das Design
Der Bücherschrank besteht aus einem schlanken Stahlkorpus mit robusten Glastüren als Wetterschutz und fest angebrachten Regalfächern. Er überzeugt in seiner industriell anmutenden Funktionalität und wird dadurch bereits ein Schmuckstück. Die Regalfächer sind so angebracht, dass Kinder ihre Bücher auf Augenhöhe  finden, die Abstände so gewählt, dass die Unterbringung unterschiedlicher Formate möglich ist.

Das System
Die Ausleihe erfolgt ohne Formalitäten. Ein Buch kann entnommen werden und zu einem späteren Zeitpunkt zurückgestellt werden. Freiwillig können eigene Bücher eingestellt werden. So vollzieht sich ein ständiger Angebotswechsel. Leihfristen gibt es nicht.

Die Betreuung
Mehrere Personen in der Nachbarschaft übernehmen die »Patenschaft« für das Bücherregal. Sie achten insbesondere darauf, das nicht »vermittelbare« Bestände aus Bibliotheksauflösungen die Regale verstopfen.

Und die Praxis…?
Die Stele wurde in Bonn schnell angenommen. Andere Stadtteile bewerben sich für das Möbel und die sorgsam ausgesuchten weiteren Plätze trugen in der Vergangenheit zum Erfolg bei. Am Erststandort Poppeldorfer Allee, einem Kreuzungspunkt für Büroangestellte, Studenten und Bürgertum stöbern fast zu jeder Tageszeit Vorbeikommende. Sie schauen durch die Bestände, verkürzen sich die Wartezeit auf dem Bus mit einer Lektüre oder unterbrechen die Fahrradfahrt für einen kurzen Blick. Viele Suchende kommen ins Gespräch.

In Bonn-Endenich, einem Viertel mit Bühnen und Cafés und einem ansonsten fast dörflichen Flair, sammelt sich ein anderes Publikum um diese Art von Lesebrunnen. Am Bonner Rheinufer in Beuel sind es oft Flaneure, die sich durch den ungewöhnlichen Bücherschaukasten angezogen fühlen.

Mag sein, dass hier eine Idee aus der Aktionskunstszene der 1990er lediglich aufgegriffen worden ist. Aber diese hat sich mit der lebendigen Umsetzung von Trixy Royeck zu einem dauerhaften und alltagstauglichen Leseerlebnis entwickelt. Seit Bonn findet diese Idee viele Nachahmer.

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Der Bücherschrank ist über alle Neuerungen und Änderung unserer Lesekultur der letzten zehn Jahre zu einem verlässlichen Leuchtturm im Stadtbild geworden. Ein großes Verdienst gebührt daran den vielen stillen Kuratoren, die sich so erfolgreich um Bestand und Sauberkeit verdient machen.

Liste öffentlicher Bücherschränke

 

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

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