»Das sollten Sie lesen!« – Buchempfehlungen im Bahnhof

Leseüberredung

Immer wenn es die Zeit vor einer Zugreise erlaubt, suche ich die Bahnhofsbuchhandlung auf. Viele sind gut sortiert und den Buchhändlern scheint es Freude zu machen, ihrer Laufkundschaft etwas auf dem Weg mitzugeben.

Im Kölner Hauptbahnhof zum Beispiel lädt im Seitenflügel ein funkelndes Schatzkästchen zum Besuch ein. Einige Tische sind bestückt mit aktuellen Titeln. Es ist ein sicherer Querschnitt zum aktuellen Literaturgeschehen. Aber das Besondere sind die Bauchbinden der engagierten Betreiber. In ein oder zwei Sätzen versuchen sie Ihre handschriftliche Leseüberredung. Und das gelingt ihnen oft. Sie sind sehr persönlich gestaltet. Inzwischen kann ich die Handschriften sogar dem jeweiligen Buchhändler zuordnen und bitte manchmal um nähere Auskunft. So besuche ich die Buchhandlung jede Woche, immer neugierig zu sehen, was dazugekommen ist, und was wieder verschwunden ist.

Manchmal gibt es auf Reisen aber auch Orte, da fehlt es weit und breit an einer Buchhandlung. Dann kommen die Leseproben zum Zug, die ich auf Vorrat auf meinem Telefon lade. 10-20 Seiten sind es, eigentlich mehr als ich im Stehen in der Buchhandlung schaffe. Auf diese Weise entdeckte  ich Modiano, kurz nachdem ihn das Nobelpreiskomitee aus der Versenkung geholt hatte.

Aber auch mancher Kostbarkeit aus dem Feuilleton verdanke ich so meine nähere Bekanntschaft. Gefiel mir die Lektüre zur Probe, dann erwarb ich sie oft am Ort meines Ziels.

Und so habe ich beides zu schätzen gelernt: Die persönliche Empfehlung eines Buchhändlers und die elektronische Leseprobe, in der der Schriftsteller für 5-10 Minuten zu mir spricht.

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

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