Das Haben-Müssen-Gen

Alte Bücher

Kürzlich war ich wochenlang damit beschäftigt, meine Bücherregale zu durchforsten. Im Laufe der Jahre sammeln sich doch recht viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor.

Wochenlang also habe ich aussortiert, überlegt, zurückgestellt, wieder in die Hand genommen, noch einmal überlegt. Schließlich hatten sich drei Stapel ausrangierter Bücher gebildet: Ein Stapel mit Titeln, von denen ich wusste, dass sich Freunde dafür interessieren könnten, ein Stapel für den öffentlichen Bücherschrank. Und ein Stapel für das Altpapier. Denn im Gegensatz zu manchen Menschen, für die jedes bedruckte Blatt heilig ist, habe ich bei aller Wertschätzung und Liebe für gedruckte Bücher auch keine Probleme damit, die Regalmeterblockierer und Lesezeitverschwender einfach wegzuschmeißen.

Wie dem auch sei, nach mühevollem Überlegen war nun endlich wieder Platz. Also ein bisschen Platz. Eigentlich nur gerade so viel, dass ich einige – nicht alle – Stapel ungelesener Bücher auflösen konnte. Dann waren die Regale wieder voll.

Ein paar Tage später lief ich durch unseren Stadtteil. Vor einem schönen Gründerzeithaus mit kleinem Vorgarten standen sie: Bücherkisten über Bücherkisten. Und ein Mann brachte immer noch mehr aus dem Keller, insgesamt waren es vielleicht dreißig große Kartons. Alle prall gefüllt. Ich sprach ihn an, und er erklärte mir, dass er Filmausstatter sei und deshalb auch immer wieder haufenweise alte Bücher angekauft habe, um damit Buchregale oder ganze Bibliotheken als Requisite herzurichten. Aus Platzgründen müsse er jetzt einige loswerden, ich könne mich gerne ausgiebig bedienen. Zwar sah man auf den ersten Blick, dass das meiste in der Tat nur Altpapier war, durchaus siebzig bis achzig Jahre alt, aber nicht unbedingt erhaltenswert – wozu es übrigens einen wundervollen Beitrag im Blog des Zeilentigers gibt. Aber wenn ich Gedrucktes sehe, erwacht zunächst einmal das Jäger- und Sammler-Gen in mir. Immer. Also begann ich, die Bananenkisten voller Bücher zu durchwühlen, obwohl ich eigentlich gar keine Zeit und wochenlanges Bücheraussortieren hinter mir hatte.

Natürlich wurde ich fündig, und da liegen sie jetzt, meine neuen Schätze:

  • Deutsches Sprachbuch für fünftklassige Volksschulen, Wien 1910
  • Kurt von Boeckmann, Vom Kulturreich des Meeres, Volksverband der Bücherfreunde, Berlin 1924
  • Ernst A. Zwilling, Unvergessenes Kamerun, Berlin 1941
  • Emilio Salgari, Im Landes des ewigen Eises, Stuttgart 1912
  • Charles de Coster, Die Mär von Ulenspiegel, Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin, ca. 1925

Selbstverständlich brauche ich kein 100 Jahre altes Schulbuch, keine Buchausgaben längst vergessener Buchclubs, kein während des zweiten Weltkriegs erschienenes postkoloniales Machwerk und kein illustriertes Forscher- und Abenteuerbuch für Jugendliche.

Aber. Alle diese Bücher strahlen etwas aus. Sie sind ein Stück Geschichte. Zeitgeschichte vom Alter und von der Thematik, Buchgeschichte von der sorgfältigen Aufmachung und Verarbeitung her, von der heutige Buchkäufer oftmals nur träumen können. Es gibt kaum andere Gegenstände, durch die man die verstrichene Zeit so unmittelbar erleben kann, wie durch alte Bücher. Diese hier sind stockfleckig und haben Lagerspuren, doch die Farbe auf den Einbänden leuchtet immer noch. Zwei haben einen Buchrücken aus Leder mit goldgeprägter Beschriftung, der Stabilität der Bindung konnten all die Jahrzehnte nichts anhaben. Man spürt die leichte Erhabenheit des Bleisatzes, wenn man mit den Fingerspitzen über die Seiten fährt und fragt sich, durch welche Hände diese Bücher wohl schon gegangen sind. Man bemerkt in einem das billige Papier aus den Mangelzeiten des Krieges, man findet eine Widmung, ein Geburtstagsgeschenk aus dem Jahr 1945, als inmitten von Tod und Zerstörung noch Zeit für solch eine Geste war. Die Bücher sprechen zu uns. Jetzt gehören sie zu meiner Sammlung, zumindest für eine Zeit lang.

Und deshalb konnte ich unmöglich an diesen mit unzähligen alten Büchern gefüllten Kartons vorbeigehen. Es ging einfach nicht, das Haben-Müssen-Gen hatte wieder einmal gesiegt.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Unglaublich…sollte Bücher hätte ich never ever vor die Tür gelegt. Aber ich war jetzt ganz dankbar, weil lesende Menschen mich um meine kompletten Martin Walser-Romane, einige Schülerlexika, ein Schwedisch-Wörterbuch von 1995 und etliche seltsame Coffetablebooks erleichtert haben. Es funktioniert tatsächlich: Legt man Bücher vor die Tür, bekommen sie Füße.

    • Ja, in die andere Richtung funktioniert das natürlich auch. Mein bester Fund aus einer Zu-Verschenken-Kiste vor einem Haus war ein Band der Anderen Bibliothek in einem Top-Zustand.

  2. Danke für den Link, Uwe. Das freut immer, wenn ein älterer Blogbeitrag noch irgendwie präsent ist. An diesen Kisten wäre ich – allem zum Trotz – auch nicht vorbeigekommen. Und hätte das unvergessliche Kamerun – wiederum allen genannten Argumenten zum Trotz – auch mitgenommen (und sicher andere mehr). Ich verstehe dich als gut.

    • Oh, den Beitrag hatte ich mir gut gemerkt, da ich die von Dir beschriebene Verblüffung ob des tatsächlichen Altpapiercharakters alter Bücher einfach zu gut nachvollziehen konnte…

  3. Wie ich das verstehe! Nach monatelangem Ausmisten meiner Bücher holte ich den Großteil am nächsten Tag zurück, weil ich es nicht ohne sie aushielt. Und jedem Buch, das bei dieser Aktion verloren ging, trauere ich nach, was zur Folge hat, dass mein Haben-Müssen-Gen jetzt noch ausgeprägter ist, als wolle es die Verluste durch den Erwerb anderer gebrauchter Bücher kompensieren.

    https://tangofiligran.wordpress.com/2015/08/14/die-buecherretterin/

  4. Lieber Uwe,

    ich kann das verstehen, an manche Bücher kann man einfach nicht vorbei gehen und muss sie haben. Aber ich bin jemand der sehr genaue Vorstellungen hat und sich auf wenige Bücher eingeschossen hat und dann zu einem Zeitpunkt auch primär in die Richtung lesen möchte. Und ich liebe neue Bücher, wenn sie ganz frisch sind, noch ungelesen und idealerweise gebunden und mit viel Liebe und Hingabe gestaltet sind. Da kann ein altes Buch nur selten mithalten.

    Aber ich das Haben-Müssen-Gefühl kenn ich nur zu gut. Es stellt sich bei mir aber erst nach dem Lesen des Klappentextes ein und ist ein sicheres Zeichen, das hier was ziemlich Gutes ums Eck gekommen ist 😉

    Ich mag es, wenn du über deine Bücherliebe schreibst. Du findest da immer ziemlich gute Worte dafür.

    Liebe Grüße
    Tobi

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