»Darf’s ein bisschen weniger sein?«

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Ich habe eine Freundin. Sie heißt Hannelore. Sie ist am Tag zweimal mit dem Bus unterwegs und nimmt sich immer Lektüre mit. Sie hat sich zum 90. einen E-Book-Reader gewünscht, weil ihr die Bücher zu schwer wurden.

Hier ist ihre Geschichte, wie sie sich – naja – nahezu ereignet hat.

Krieg und Frieden

Dramolett in drei Akten

Akt I

Im Bus nach Bad Godesberg. Ein Fahrgast liest in einem dicken Buch. Eine Dame steigt zu und setzt sich dem lesenden Fahrgast gegenüber.

Hannelore: Guten Tag, mein Herr. Sie lesen Krieg und Frieden. Gefällt Ihnen das Buch?

Fahrgast: Ja, wie Sie sehen, die Hälfte habe ich schon verschlungen.

Hannelore: Ein wunderbares Werk. Ich habe es schon sieben Mal gelesen.

Fahrgast: Allerhand…

Hannelore: Ich würde es ein achtes Mal lesen, aber dicke Bücher liegen mir zu schwer in der Hand.

Fahrgast: (lacht) Vielleicht kann ich es Ihnen halten?

Hannelore: Nein, nein, mein Herr, aber vielleicht haben Sie ein Messer?

Fahrgast: (entgeistert) Ein Messer?!

Hannelore: Sie können den gelesenen Teil für mich abschneiden, Sie bekommen ihn nächste Woche zurück und ich lese dann die andere Hälfte

Die beiden teilen mit dem Messer das Buch in zwei Teile.

Akt II

Eine Woche später im Bus.

Fahrgast: Das Buch war beeindruckend. Darf ich Ihnen den zweiten Teil geben?

Hannelore: Das ist ganz reizend und zugleich ist es mir ein wenig unangenehm.

Fahrgast: Warum nur, gnädige Frau?

Hannelore: (zieht ein kleines Gerät aus der Handtasche) Haben mir meine Kinder geschenkt. Ein elektronisches Lesegerät und Krieg und Frieden war schon drin.

Fahrgast: Ach, erstaunlich.

Hannelore: Nun zerstöre ich nicht mehr fremde Bücher, das Ihre ersetze ich Ihnen.

Fahrgast: Iwo, wenn Sie erlauben, würde ich gerne einen Blick auf dieses Technikwunder werfen.

Hannelore: Sehen Sie nur, 1.300 Seiten und das Gerät wird trotzdem nicht größer. Und die Batterie reicht über einen Monat. Wollen Sie einmal lesen?

Akt III

Eine weitere Woche später. Hannelore besteigt den Bus. Der bekannte Fahrgast betrachtet skeptisch ein elektronisches Lesegerät. Erfreut schaut er auf.

Fahrgast: Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen, gnädige Frau, wie Sie sehen, habe auch ich ein solches Lesegerät  erworben…

Hannelore: Ja, ist es nicht praktisch…

Fahrgast: …, und nun…

Hannelore: …so viele Bücher parat zu haben…

Fahrgast: …frage ich mich nur…

Hannelore: …und diese ohne Messer lesen zu können!

Fahrgast: …wie ich meine Freunde zukünftig mit meiner Bibliothek beeindrucke.

Vorhang

Veröffentlicht von

Rechtsanwalt und Verleger, 1963 in Köln geboren, Buchautor, Leser und Sportler.

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