Bilderstürmer im 21. Jahrhundert

Im Lauf der Geschichte waren Kunstwerke oftmals Opfer gesellschaftlicher Veränderungen. Man denke an die Kultur der Griechen und Römer, deren Erbe nur bruchstückhaft das Mittelalter überstanden hat. Oder an die Bilderstürmer der Reformationszeit, die alles zerstörten, was nicht ihren neuen Normen entsprach und im Namen des Fortschritts unzählige sakrale Kunstschätze vernichteten. Oder die Verstümmelung antiker Skulpturen durch prüde Eiferer im 19. Jahrhundert. Oder die Beton-Barbarei moderner Stadtplaner, der seit den 60er-Jahren unzählige architektonische Schätze zum Opfer gefallen sind.

Das sind nur ein paar Beispiele aus der Vergangenheit. Aber eine Art Bildersturm findet auch heute statt, diesmal sind die Opfer sprachliche Kunstwerke. Im konkreten Fall, der Auslöser für diesen Beitrag ist ersten von zwei Beispielen geht es um Matthias Claudius und sein Gedicht „Abendlied“, allen bekannt in seiner vertonten Form und mit der ersten Zeile „Der Mond ist aufgegangen“.

Das „Abendlied“ zählt zu den historischen Perlen unserer Lyrik. Seit 238 Jahren gehört es zum Kanon mitteleuropäischer Literatur; es ist ein Spiegel seiner Epoche und zeitlose Sprachkunst gleichzeitig.

Zumindest bis zum Evangelischen Kirchentag 2017. Hier solte das Lied gemeinsam gesungen werden, aber der jahrhundertealte Text erregte Anstoß bei übereifrigen Sprachmodernisierern. Deshalb mussten die Zeilen „so legt euch denn, ihr Brüder“ und „und unsern kranken Nachbarn auch“ in geschlechtsneutrale Formulierungen geändert werden; ein Vorgehen, das meines Erachtens nichts anderes als sprachlicher Vandalismus ist, auch wenn es sich – in diesem Fall – nur um zwei Begrifflichkeiten handelt.

Denn das Gedicht ist ein Dokument seiner Zeit, und wenn Matthias Claudius „ihr Brüder“ geschrieben hat, dann ist das nicht nur ein Bestandteil dieses Kunstwerkes. Es gehört von Ausdruck und Betonung her zum sprachlichen Gesamteindruck – und bei Kunst geht es um das ästhetische Empfinden des Künstlers. Nie darum, ob sich irgendwer möglicherweise brüskiert fühlt. Legt man die Maßstäbe heutiger Political Correctness an die Kulturgeschichte Europas an, dann würden sich die Bibliotheken und Museen schnell leeren.

Und ja, natürlich verändert sich die Sprache ununterbrochen. Das ist eine normale Entwicklung, aber darum geht es hier gar nicht. Denn ein kulturelles Erbe bedeutet eben auch immer, die Kunstwerke im Kontext ihrer Entstehungszeit zu betrachten und sie nicht den Ausprägungen unserer heutigen ästhetischen Empfindungen anzupassen. Eine solche Einebnung unsers literarischen Erbes ist genauso ein kultureller Frevel wie die eingangs erwähnten Beispiele aus der Vergangenheit, über die wir heute nur fassungslos den Kopf schütteln können.

Bis hierhin hatte ich den Beitrag ursprünglich geschrieben. Eigentlich nur, um mir meinen Ärger von der Seele zu tippen, ich wusste noch gar nicht, ob ich ihn veröffentlichen wollte, zu absurd kam mir die Handlungsweise der Sprachvandalen vor. Aber immer, wenn man denkt, es könne nicht noch bizarrer werden, setzt jemand noch etwas obendrauf.

In diesem Fall geht es um ein achtzeiliges Gedicht von Eugen Gomringer, einem der wichtigsten zeitgenössischen Sprachkünstler und Poeten. Es ziert die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf, die ihm 2011 ihren Poetik-Preis verliehen hatte.

In spanischer Sprache steht dort zu lesen:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Nun sind Gedichtinterpreationen immer subjektiv, aber um in diesem Gedicht „Sexismus“ und eine „patriarchale Kunsttradition“ zu erkennen, braucht es schon ein gehöriges Maß an Phantasie. Das wäre ja auch nicht weiter schlimm, wenn dies nicht eine Forderung des AStA der Hochschule begründen würde, das Gedicht entfernen zu lassen. Also ein Kunstwerk zu zerstören, weil es – vermeintlich – nicht der eigenen Weltanschauung entspricht. Wenn auch Denis Schecks Bezeichnung „Kulturtaliban“ für die AStA-Bilderstürmer vielleicht etwas harsch sein mag, ist es schlimm genug, dass die Hochschulleitung auf diesen totalitären Unsinn eingegangen ist und die Fassade neu gestalten lassen möchte.

In den sozialen Medien jedenfalls schlugen und schlagen die Wellen hoch, vor allem vor Empörung über die in keinster Weise nachvollziehbare AStA-Forderung. Autor und Texter Bruno Schulz hat es bei Facebook auf den Punkt gebracht: „Wer aus diesen Zeilen Sexismus liest, will diesen lesen, sucht ihn verzweifelt, um sich erheben zu können. Über andere. Über die Kunst. Die Schönheit. Richten. Die Welt dem eigenen kleinen Geist und Herzen Untertan machen. Weil man selbst nichts Schönes zu bieten hat. Eine verstörende Konstruktion schaffen, um auf andere zu treten. Die Welt häßlich zu machen.“

Und auch aus dem Berliner Haus der Poesie, dem Kooperationspartner des Poetik-Preises der Alice-Salomon-Hochschule, sind deutliche Worte zu hören: „Kritik oder vielmehr Unverständnis mit der Entfernung von Eugen Gomringers Gedicht öffentlich werden zu lassen, stellt nach unserer festen Überzeugung selbst eine Diskriminierung des Autors und der Kunst dar. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut demokratischer Gemeinwesen, das durch dergleichen Beschränkungen nicht infrage gestellt werden darf. Die Vernichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum, noch dazu aus unseres Erachtens dogmatischen Gründen, ist nicht akzeptabel.“

Matthias Claudius oder Eugen Gomringer: Dies sind nur zwei Fälle von vielen, bei denen die Verstümmelung sprachlicher Kunstwerke gefordert und durchgesetzt wird. Dieser Sprachvandalismus stört mich immens. Und jeder Mensch, der sich dem kulturellen Vermächtnis unserer Literatur verpflichtet fühlt, sollte sich diesem sprachlichen Bildersturm mit Vehemenz entgegenstellen. Es darf nicht Aufgabe von selbsternannten Zensoren sein, ihr kleingeistig-dogmatisches Gedankengut der Allgemeinheit aufzuzwingen und Nichterwünschtes verschwinden zu lassen. Dieses paternalistische Gehabe – das Wort „paternalistisch“ ist wahrscheinlich auch schon sexistisch – beleidigt jeden selbstdenkenden Menschen. Mehr dazu? Im Blog AISTHESIS gibt es einen lesenswerten Beitrag, der diese Gedichtentfernung in einen größeren Zusammenhang stellt.

Und was sagt eigentlich der im Oberfränkischen lebende Dichter selbst dazu? In der Süddeutschen Zeitung war unter der treffenden Überschrift „Berliner Provinz trifft oberfränkische Avantgarde“ die gelassene Stellungnahme Eugen Gomringers zu lesen: „Dass man mit so wenigen Worten so eine Wirkung erzielt, das war immer mein Ziel.“

Das gefällt mir.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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