Am Anfang war das Wort

Räuber Hotzenplotz
In Zeiten des digitalen Medienwandels ist auch der Bereich der Kinder- und Jugendbücher im Umbruch. Die audiodigitale Tiptoi-Reihe von Ravensburger fährt Umsatzrekorde ein, es gibt Kinderbücher als E-Book, Apps für Kinder und vieles mehr. So innovativ das alles sein mag, nichts kann das Wichtigste ersetzen, das Kinder mit Medien erleben können: Die gemeinsame Zeit, die sie mit ihren Eltern oder Großeltern verbringen und dabei ein Buch vorgelesen bekommen. Das sind prägende Erlebnisse und nichts vermittelt die Freude am Lesen und den Spaß an Geschichten mehr als diese gemeinsamen Stunden. Wie nachhaltig dies im Gedächtnis bleiben kann, habe ich vor einiger Zeit in meinem Blog Kaffeehaussitzer unter dem Titel „Am Anfang war das Wort“ beschrieben. Dieser Beitrag passt so gut zu dem Ansatz des Blogs Wie werden wir lesen, dass ich ihn hier noch einmal unterbringen möchte. Vor ziemlich genau einem Jahr, am 14. Januar 2014 schrieb ich:

Nicht selten verbringt man zwischen Weihnachten und Neujahr ein oder zwei Tage an dem Ort, an dem man aufgewachsen ist, den man aber schon lange verlassen hat. So war es Ende 2013 auch bei mir. Von nostalgischen Gefühlen getrieben habe ich den Keller meines Elternhauses durchstöbert und es tatsächlich gefunden: Das Buch „Der Räuber Hotzenplotz“ von Otfried Preußler. Und zwar genau das Exemplar, aus dem mir meine Oma vor nun nahezu vierzig Jahren vorgelesen hatte. Stockfleckig, von Feuchtigkeit beschädigt, aber immer noch da.

Mit diesem Buch verbinde ich eine meiner frühesten Erinnerungen überhaupt. Denn meine Oma war eine begnadete Vorleserin, jeder Person, die in der Geschichte vorkam, gab sie eine eigene Stimme. Und noch heute bilde ich mir ein, sie im Ohr zu haben: Den dröhnenden, tiefen und furchterregenden Baß des Räubers Hotzenplotz, die hohe Fistelstimme der Großmutter, das fiese Lachen des großen und bösen Zauberers Petrosilius Zwackelmann oder den barschen Kommandoton des Wachtmeisters Dimpfelmoser – als 1899 Geborene war ihr besonders dieser wohl nur zu gut vertraut.

Ich war damals fünf Jahre alt und lauschte andächtig. Das Lesen erschien mir wie Magie und ich war der festen Überzeugung, dass sich dabei irgendwie automatisch die Stimme verändern würde. Als würde das Buch die Macht über den Vorlesenden übernehmen. Und ich kann mich gut daran erinnern, dass ich mich damals darauf freute, bald in die Schule zu kommen und Lesen zu lernen. Weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, wenn ohne mein Zutun die eigene Stimme anders klingt. Damit dies auch mit meiner Stimme geschehen würde und ich dann plötzlich ebenfalls so tief reden könnte wie der Räuber Hotzenplotz. Als es dann endlich so weit war und ich die ersten Texte lesen konnte, war ich enttäuscht, dass gar nichts passierte. Auch daran erinnere ich mich noch gut. Aber das war schnell vergessen, denn zwischen zwei Buchdeckeln gab es fortan unzählige Welten zu entdecken. Einige Zeit später habe ich in der Stadtbücherei alles gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Und dann kam eines Tages die Erfahrung dazu, dass man in Buchhandlungen das gesparte Taschengeld auch für Bücher ausgeben konnte. Die einem dann so richtig selbst gehörten. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Die Erinnerung an den Räuber Hotzenplotz mit seiner tiefen Stimme mag jetzt vier Jahrzehnte her sein. Doch eigentlich hat sich hat sich in dieser Zeit nichts geändert: Auch heute lieben es Kinder, Geschichten vorgelesen zu bekommen. Perfekter kann man seinem Kind nicht die Welt der Sprache nahebringen und es an die viel gepriesene Medienkompetenz heranführen. Man benötigt dazu kein Tablet, keine Apps, keinen eReader und keine bewegten Bilder, im Gegenteil, Neurologen raten vielmehr davon ab, da digitale Medien für Kinder bis zum dritten Schuljahr eher schädlich als nützlich seien. Nein, alles was man dazu braucht ist ein schlichtes Buch. Aus Papier. Und Zeit. Die muss man sich nehmen.

Veröffentlicht von

Leser, Buchmensch, Literaturblogger und Kaffeehaussitzer

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