Verlage sind keine Verwerter

Verlage sind keine Verwerter

Der Bundesgerichtshof hat am 21. April 2016 ein Urteil verkündet, dass man getrost als Schlag ins Gesicht der Verlagskultur in Deutschland bezeichnen kann.

Was war geschehen? Es ging um die Ausschüttungen der VG Wort. Bei der VG Wort gehen alle Abgaben, die für Vervielfältigung von Texten z.B. durch Kopierer in Bibliotheken oder Schulen bezahlt werden müssen, ein. Bis vor kurzem war es gängige Praxis, das die jährlichen Ausschüttungen an die Rechteinhaber zwischen Autoren und Verlagen aufgeteilt wurden. Und es geht dabei nicht nur um ein paar hundert Euro im Jahr, sondern um bedeutende Summen.

Aufgrund einer Klage hat nun der BGH entschieden, dass diese bisher praktizierte Aufteilung unrechtmäßig sei und die Ausschüttung alleinig den Autoren zustehen würde. Eine Auffassung, die mich wütend und ratlos zugleich macht, zeugt sie doch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit. Sie drängt damit Verlage in die Rolle der „Verwerter“ – und das sind sie nicht.

Verlage sind Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was ich meine. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Buch entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch. Das wirtschaftliche Risiko trägt dabei alleinig der Verlag. Und ja, Autorenhonorare mögen bei nicht ganz so bekannten Schriftstellern nicht gerade üppig sein, aber vor dem Hintergrund der oben kurz angerissenen Arbeitsabläufe ist das verständlich.

Jeder Verlag arbeitet mit einer Mischkalkulation, d.h. Bücher, die sich gut verkaufen, finanzieren die anderen mit; die schönen, aufwendigen, besonderen Titel. Dies trifft natürlich besonders auf die kleinen und unabhängigen Verlage zu, die Trüffelsucher in der Verlagslandschaft. Hier erscheinen interessante neue Autoren, werden Texte entdeckt, literarische Experimente gewagt und Nischen erkundet. Alles auf einem wirtschaftlichen Niveau, das meistens gerade so zum Überleben reicht. Und genau diese kleinen, feinen Verlage trifft das BGH-Urteil besonders hart.

Denn die großen Verlagsgruppen, bei denen ein Bestseller nach dem anderen erscheint, können einen solchen Verlust verständlicherweise eher wegstecken, als ein Fünf-Personen-Verlag, der mit Herzblut frische Texte und spannende Autoren entdeckt, dabei aber ständig um das Fortbestehen kämpft. Für diese Verlage kann die jährliche VG-Wort-Ausschüttung von existentieller Bedeutung sein. Besonders dramatisch wird die Lage dadurch, dass in den letzten Jahren erhaltene Gelder zurückgezahlt werden sollen. Diese Rückforderungen können zwischen 20 und 200 Prozent des durchschnittlichen Jahresgewinns betragen und einem kleinen Unternehmen endgültig das Genick brechen.

Durch das BGH-Urteil, das solche Zusammenhänge nicht erkennt oder zu erkennen vermag, droht deshalb ein Kahlschlag in der Vielfalt des literarischen Angebots in unserem Land.

Und was bedeutet das alles für die Autoren? Natürlich mag es zuerst einmal gut klingen, jetzt den ganzen Kuchen zu erhalten. Aber.

Besonders kleine und mittelständische Verlage werden zukünftig weniger Geld zur Verfügung haben, um Autoren aufzubauen oder auch mal sperrige, schwierige Texte zu veröffentlichen. Lieber geht man dann auf Nummer sicher. So ist es möglich, dass zahlreiche potentielle Autoren nicht mehr in einem Verlag unterkommen werden. Zudem ist die Durchsetzungskraft der VG Wort nur so stark, weil bis jetzt auch die wirtschaftliche Macht der versammelten Verlagsbranche hinter ihr steht. Ohne die Verlage wird die VG Wort zu einem zahnlosen Tiger, der auch den Autoren nichts mehr nützen wird. Ein wahrer Pyrrhussieg des klagenden Autors.

Wie geht es jetzt weiter? Der Börsenverein als Dachverband der Buchbranche hat die Prüfung einer Verfassungsbeschwerde angekündigt. Erfahrungsgemäß würde eine solche sich über mehrere Jahre hinziehen, Jahre der Rechtsunsicherheit, Jahre ohne Ausschüttung. Und da das BGH-Urteil sich auf eine EU-Richtlinie bezieht, kann es auf der Ebene der Rechtsprechung nur eine Einigung im europäischen Rahmen geben – was das Prozedere nicht einfacher macht. Vielleicht wird es auch eine politische Lösung geben, so wie im Dezember 2015 vom Bundesjustizminister Heiko Maas versprochen – eine Regierung, die sich ein Ministerium für Kultur und Medien gönnt, sollte jetzt tätig werden. Und vielleicht wollten die BGH-Richter auch genau das erreichen? Sollte dies der Fall sein, nehme ich meinen Vorwurf der Kurzsichtigkeit umgehend zurück. Hoffen wir das Beste.

Ansonsten bleibt nur noch einmal eines zu wiederholen: Verlage sind keine „Verwerter“. Bücher entstehen in gemeinschaftlicher, partnerschaftlicher Arbeit zwischen ihnen und den Autoren. Und wer etwas für die literarische Vielfalt tun möchte, dem sei geraten, verstärkt Ausschau nach Veröffentlichungen aus unabhängigen, kleineren Verlagen zu halten. Denn sie sind das Salz in der Suppe unserer Medienlandschaft.

Empfohlen dafür sei der Blog We read Indie, in dem ausschließlich solche Bücher vorgestellt werden.

Kaffeesatzlesen für eine Dekade Wie verändert sich die Buchbranche?

DSC_2294

Die Zeitschrift „Streifband“ wird herausgegeben vom Studiengang Buch- und Medienproduktion der HTWK Leipzig und erscheint seit 1996 jeweils zu den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt. Ende des letzten Jahres erhielt ich eine Anfrage der Streifband-Redaktion, ob ich für das Leipzig-Heft 2016 einen Text über die Zukunft der Buchbranche schreiben wolle. Zuerst war ich – ehrlich gesagt – etwas erschrocken ob dieser Herausforderung; der Umbruch in unserer Branche ist so gewaltig, dass ernsthafte Prognosen schwierig sind. Doch dann erschien diese Aufgabe in einem immer reizvolleren Licht, schließlich habe ich seit 1993 beruflich mit Büchern und Medien zu tun und bin selbst sehr gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. So versuchte ich mich an einer Kaffeesatzleserei, um – rein subjektiv – vorherzusagen, wohin die Reise gehen mag. Der Text erscheint in Streifband 27 im März 2016. Und gleichzeitig hier in diesem Blog.

Betrachtungszeitraum

Vor dem Hintergrund der vielfältigen technischen Veränderungen in den letzten Jahren und einer Entwicklung, die gerade erst begonnen hat, genügt es, sich zehn Jahre als Betrachtungszeitraum vorzunehmen. In einer Dekade wird es technische Möglichkeiten geben, die wir uns im Moment noch nicht einmal vorzustellen vermögen. Bei einem Blick zurück erscheint es heute aber gleichzeitig absurd, dass vor einigen Jahren von so manchen ambitionierten Digitalpionieren der baldige Tod des gedruckten Buches ausgerufen wurde.

Buchbranche? Welche?

DIE Buchbranche gibt es nicht, zu vielfältig ist sie in ihren Ausprägungen. Zwei Bereiche klaffen in den Bereichen Digitalisierung und Rezeption bereits meilenweit auseinander: Das Fachbuch und der Bereich Belletristik/Sachbuch. Im Fachbuch ist die Digitalisierung besonders weit fortgeschritten, naturwissenschaftliches, aber auch juristisches Arbeiten ist ohne eJournals und Datenbanken schon längst nicht mehr denkbar. Der Trend wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen, auch bei den traditionell papieraffineren Juristen werden die Bibliotheksregale in den Kanzleien verschwinden. Verlage, die ihre Werke nicht in den marktführenden Datenbanken unterbringen können, haben bereits mittelfristig ein ernstes Problem – denn Fachautoren veröffentlichen nur dort, wo sie auch gesehen und zitiert werden. Momentan erwirtschaften bei allen großen Fachverlagen Zeitschriften und Loseblattwerke als Cash-Cows einen wichtigen Umsatzanteil. Die Herausforderung der Verlage wird u.a. darin bestehen, insbesondere diesen Anteil ins Digitale zu übertragen.

Und wie wird der Bereich Belletristik in zehn Jahren aussehen? Die Diskussion Print vs. E-Book wird dann hoffentlich nicht mehr geführt werden. Auch wenn momentan eine Stagnation der E-Book-Verkäufe zu beobachten sein mag (je nachdem, welcher Statistik man glaubt), werden sich elektronische Bücher in den nächsten Jahren mehr und mehr Umsatzanteile sichern. Besonders die Unterhaltungsliteratur wird in einer Dekade zu großen Teilen digital gelesen werden, der Taschenbuchmarkt sich deutlich verkleinern. Gleichzeitig werden gedruckte Bücher aufwändiger hergestellt, um das für viele Buchmenschen enorm wichtige – und wichtige bleibende – Argument der Haptik und Optik zu bedienen. Der Trend in diese Richtung ist bereits jetzt zu beobachten. Interessant ist dabei, dass Verlage, die als reine E-Book-Verlage gestartet sind, gerade damit beginnen, auch gedruckte Bücher herauszugeben. Bei CulturBooks heißen tragen sie dann charmanterweise den Reihentitel „Unplugged“. In zehn Jahren werden gedruckte Bücher stets einen Zugangscode zum Download des entsprechenden E-Books enthalten, um das auf die jeweilige Situation angepasste optimale Leseerlebnis zu ermöglichen. Der Weg in diese Richtung war schon von einigen engagierten Verlagen beschritten worden, bis 2015 die deutsche Steuergesetzgebung mit der unsäglichen E-Bundle-Regelung dieses zarte Pflänzchen der Innovation zertrampelt hat.

In diesem Zusammenhang über medienneutrale Datenproduktion zu reden, ist eigentlich müßig; es ist schließlich eines der wichtigsten und entscheidendsten Themen. Und Verlage, die sich damit nicht auseinandersetzen, wird es in zehn Jahren wohl nicht mehr geben.

Bei weiteren wichtigen Marktsegmenten wie dem Kinderbuch oder dem Kochbuch ist eine Prognose schwierig. Als haptischer Mensch und begeisterter Vorleser hoffe und glaube ich persönlich, dass Kinderbücher auch in zehn Jahren vor allem in gedruckter Form existieren. Momentan ist die Nachfrage ungebrochen, was mich in dieser Vermutung bestärkt. Für viele Kinder sind ihre Bücher wie gute Freunde, und für diese Projektion braucht es einen Gegenstand, keine Datei. Auch das Vorlesen aus einem E-Book ist für mich ein gruseliger Gedanke, aber umso mehr bin ich gespannt, wie es im Jahr 2026 aussehen wird.

Und was Kochbücher angeht: Sie werden nicht nur den darin enthaltenen Rezepten wegen gekauft, denn Kochrezepte gibt es hunderttausendfach gratis online. Ansprechend gestaltet ist ein Kochbuch nicht nur eine Rezeptsammlung, sondern vermittelt ein Stück Vorfreude auf ein gelungenes Essen mit der Familie und mit Freunden. Es ist ein Stück Lifestyle und als solches wird es auch den digitalen Wandel begleiten. Auch hier wird es E-Bundle-Lösungen geben, um das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt miteinander zu vereinen: Das Kochbuch zum genüsslichen Blättern, das Rezept auf dem iPad neben dem Herd.

Selfpublisher

Das Thema Selfpublishing ist in aller Munde, dabei ist es nichts Neues. Vor ein paar Jahren hießen Selfpublisher noch Selbstverleger und die so publizierten Werke waren in erster Linie Ergebnisse eines Selbstverwirklichungshobbys. Daran hat sich bei gefühlten 95 Prozent der heutigen Selfpublishing-Titel zwar nichts geändert, aber durch die neuen Möglichkeiten des Publizierens und der Vermarktung ist eine zunehmende Professionalisierung zu beobachten. Erfolgreiche Selfpublisher kaufen Dienstleistungen wie Lektorat, Korrektorat, Herstellung und Vermarktung ein, so dass dadurch eine ganze eigene, kleinteilige Verlagslandschaft im Entstehen begriffen ist. Für entsprechende Spezialisten der genannten Dienstleistungen könnten dadurch in den nächsten Jahren auch außerhalb der Verlagsbranche neue Job-Möglichkeiten entstehen. Und auch für etablierte Schriftsteller könnte dies ein gangbarer Weg sein, wie das Beispiel von Cornelia Funke und dem US-amerikanischen Buchmarkt zeigt.

Social Reading

Social-Reading-Plattformen wie LovelyBooks oder Goodreads sind die moderne Fortführung der Lesezirkel, in denen man sich mit ähnlich Interessierten zum Austausch über Literatur trifft – früher im großbürgerlichen Salon, heute im egalitären Netz. Beiden gemeinsam ist das Reden über ein Buch nach dessen Lektüre, kapitelweise oder im Ganzen. Über Bücher zu reden ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und deshalb wird die Buchszene im Netz von den genannten Großplattformen bis hin zu den unzähligen privat betriebenen Blogs zunehmend an Bedeutung gewinnen und in zehn Jahren das klassische Feuilleton weit hinter sich gelassen haben. Social-Reading-Plattformen, in denen „live“ gelesen und beim Lesen kommentiert und diskutiert werden kann – wie etwa Sobooks oder der FAZ-Lesesaal – werden dabei allerdings keine große Rolle spielen und höchstens ein Nischendasein führen. Denn der eigentliche Akt des Lesens ist eine zutiefst einsame Beschäftigung und genau dies ist auch das Reizvolle daran; der Rückzug aus dem Alltag, aus der Gegenwart. Daran wird sich nie etwas ändern, egal welches Medium man dafür nutzt.

Der Buchhandel

Der Buchhandel ist momentan die wichtigste Vertriebsform für Bücher und Literatur. Wird er das bleiben? Fest steht, dass auch in zehn Jahren engagierte, begeisterte Menschen mit Herzblut Bücher verkaufen werden. Aber die Strukturen verändern sich stark, wobei es schon lange nicht mehr reicht, sich hinter seinen Ladentisch zu stellen und auf Kundschaft zu warten. Von einem Buchladen der Zukunft erwarte ich neben einem selbstverständlichen guten Service, ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment, das die Entdeckung neuer Autoren und neuer Inhalte ermöglicht. Dazu gehören Lesungen und andere Veranstaltungen, Informationen per Newsletter und sozialen Medien, Aktionen, Engagement im Stadtteil und vieles mehr, was einen Buchladen schon heute zu einer Kulturtankstelle macht. Buchhandlungen ohne Service und ohne Engagement werden verschwinden – und das zu recht. Auch Großflächen werden weniger, die Branche insgesamt kleinteiliger werden.

Die Online- und die reale Welt verschmelzen auch hier immer stärker miteinander, Webauftritte, Webshops, Blogs und Partizipation in den sozialen Medien ergeben zusammen mit einem Einkaufserlebnis in angenehmen Ambiente eine Mischung, die auch in zehn Jahren einem Riesen wie Amazon die Stirn bieten kann. Überhaupt Amazon: Was wird dieser ungeliebte aber immens wichtige Innovationstreiber in einer Dekade anbieten? Bei dem vorgelegten Tempo eine schwierige Vorstellung. Wird es flächendeckend stationäre Amazon-Buchhandlungen geben? Oder wird andererseits der Tolino den Kindle vom Thron gestoßen haben? Der destruktive Schub, mit dem Amazon die Buchbranche umgekrempelt hat, scheint momentan in konstruktive Innovationen zu münden, die allen Beteiligten nutzen. Wobei der Buchbereich schon längst nicht mehr das wichtigste Geschäft des Giganten aus Seattle ist und an Bedeutung für ihn weiter verlieren wird. Aber alleine, dass es jetzt die erste Amazon-Buchhandlung gibt, ist als untrügliches Zeichen zu werten, dass gedruckte Bücher eine Zukunft haben.

Der Fachbuchhandel wiederum wird sich noch stärker dem Service-Gedanken verschreiben müssen, um überlebensfähig zu bleiben, denn ob es in zehn Jahren noch genügend gedruckte Fachmedien geben wird, um davon leben zu können, ist fraglich. „Alles-aus-einer-Hand“-Lösungen wie etwa das Media-Center von Schweitzer Sortiment, durch das ein Kunde seine maßgeschneiderte Datenbank erstellen kann, sind Schritte in die richtige Richtung.

Fazit

In 7.000 Zeichen über die Zukunft einer Branche im Wandel zu räsonieren, ist eine echte Herausforderung. Vieles muss ungesagt bleiben; um richtig in die Tiefe zu gehen, wäre eine Null mehr nötig gewesen. Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich nicht an einen abrupten, radikalen Wandel aller Lesegewohnheiten glaube, wie er vor ein paar Jahren noch angekündigt wurde. Verändern wird sich vieles, doch ich sehe eine Zukunft, in der sich das Beste aus der gedruckten und der digitalen Welt immer stärker miteinander verbindet. Die Aufgabe der Buchbranche ist es, diesen Wandel zu gestalten und die Komfortzone rechtzeitig zu verlassen, bevor es diese nicht mehr geben wird.

Eine Epoche als literarische Miniatur

IMG_8125

Geschichte kann man sich rein faktisch nähern oder…fiktiv.

Der Zufall bescherte mir zwei ideal aufeinander aufbauende Werke als Lektüre. Mercè Rodoredas’ »Der Garten über dem Meer« und Joan Sales, »Flüchtiger Glanz«.

Im »Der Garten über dem Meer« entfaltet sich über den Zeitraum von sechs Sommern das Leben der  »besseren« katalanischen Gesellschaft in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren. Bei Rodoreda setzt sich das Bild aus den Dialogen vieler Personen zusammen. Der äußere Glanz kann nicht verbergen, dass sich hier bereits die Risse einer zu Ende gehenden Epoche zeigen, die schließlich in einem Bürgerkrieg enden wird.

Sind die hier dargestellten Verwerfungen nicht ein Spiegelbild dessen, was sich im Großen an tektonischen Veränderungen politisch wie sozial schon zeigt?

Bleibt die weitere Entwicklung am Ende der Lektüre offen, scheint Sales mit »Flüchtiger Glanz« als Anschlusslektüre Antworten zu geben. Sales erzählt den Bürgerkrieg mithilfe zweier Briefsammlungen und einem Rückblick aus 20-jährigem Abstand. Bei ihm kommen die Stimmen derjenigen zu Wort, die gegen die überlieferte Ordnung aufbegehren. Seine Schilderung lässt den Leser spüren, woraus sich diese Wut speist und was die Protagonisten antreibt, für eine neue Gesellschaft zu kämpfen.

Als Leser fühlt man sich in beiden Lektüren »mittendrin«, ist vom Geschilderten angezogen und abgestoßen zugleich.

Vor dem Auge des Lesers entfaltet sich diese Epoche der spanischen Geschichte wie ein lebendiges Wandgemälde, voller Reichtum, voller Tragik, voller Schönheit und in einer Verdichtung, wie es Picasso bei seinem  »Bürgerkriegsbild« Guernica gelungen ist.

Welch ein Glück, dass die Bücher 2014 bzw. 2015 den deutschen Markt erreichten. Diese impressionistischen Romane zeigen, wie zeitlos Literatur sein kann und den modernen Menschen zu erreichen vermögen.

Das Werk »Der Garten über dem Meer« präsentiert sich mit einer bezaubernden Ausstattung, einem gestalteten Bezug für Schuber und Buch, einer wunderbaren Typografie und auf edlem Papier.  Diese  Umsetzung repräsentiert den Glanz dieser Epoche. Dass Sales »Flüchtiger Glanz« konventionell  ausgestattet und produziert ist, passt hier ebenso, denn es ist ja ein karges »Kriegsbuch«.

Nach der Lektüre haben die beiden Werke einen gemeinsamen Platz im Bücherregal gefunden, entgegen der üblichen Sortierlogik nach Autorennamen, nebeneinander.  Beide zusammen bilden ein »Regal-Gemälde« das im Zusammenwirken seinen Glanz entfaltet.

Aus Fiktion wird Geschichte aus zwei Federn lebendig aufgeschrieben wie selten.

Lesen in schweren Zeiten Lektüren in Not, Angst und Trauer

IMG_7057

Kann man seine gewohnte Lektüre fortsetzen, wenn schon Nachrichten und Ereignisse den Tag in ein »Vorher« und »Nachher« teilen?

Was kommt nach der Fassungslosigkeit, einer niederschmetternden Diagnose, einschneidenden Ereignissen oder einem persönlichen Verlust?

Seit fast 20 Jahren habe ich ein »Stundenbuch« in meiner Tasche, einem Gebetbuch für jeden Tag. Dieses abgegriffene Buch hat mich seither fast jeden Tag begleitet. Es enthält Psalmen, Gesänge und Bibelstellen für jeden Tag von vier Wochen. Danach beginnt man wieder von Vorne zu lesen.

Das Buch hatte ich bei mir, als die Anschläge des 11. Septembers 2001 geschahen, aber auch in persönlichen schweren Stunden. Die markantesten Daten dieser Zeit habe ich an entsprechender Stelle im Buch mit Bleistift vermerkt.

Bei den Texten handelt es sich in erster Linie um Psalmen. Ich lese sie in meiner jeweiligen Stimmung und Verfassung. Ihre Wiederkehr wirkt stabilisierend. Es entsteht eine Atmosphäre der Vertrautheit. Einzelne Motive dieser Literatur treten –  je nachdem – stärker oder schwächer hervor.

Die Texte trösten. Trotz ihres Alters spiegeln sie Grundstimmungen des damaligen Menschen wieder, die sich von den heutigen wenig unterscheiden. Furcht, Wut, Liebe. Die Texte verstärken Gedankenmuster, die wir mit ihnen verbinden: Trost, Kampfbereitschaft, Zuversicht. Weiterlesen

Das literarische Blogtett Über Buchblogger

Bloggertreffen FBM15
Photo: Orbanism

Literaturkritik findet neuerdings ja auch wieder im TV statt, in Zeitungen seit jeher, aber zunehmend und ernstzunehmend auch im Netz in Form von Buch- und Literaturblogs. Auf deren Seiten werden Bücher mit den Mitteln der Internetästhetik präsentiert.

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es nun ein Buchblogger-Treffen. Es war eine Zusammenkunft der oftmals nur virtuell miteinander bekannten Netzrezensenten. Aber anders als im etablierten und ritualisierten Betrieb der Buchmesse ein paar Gänge weiter, ging es den Gesichtern und der Geräuschkulisse nach ungestüm, regellos, fröhlich und laut zu.

Was treibt Buchblogger um, die mit unglaublicher Liebe zum Detail Bücher formschön in Wort und Bild präsentieren? Wie soetwas mit den heutigen Gestaltungsmitteln aussehen kann, zeigt diese Übersicht.

Dass sich diese Gruppe nun auf der Frankfurter Buchmesse zusammenfand, gehört zu den hoffnungsvollen Zeichen dieser Veranstaltung, soweit sie sich mit der Zukunft des Lesens befasst. Weiterlesen

Nichts als Lesen E-Book-Reader und Buch

IMG_6132

Bücher sollen verführen. Ausstattung, Papier, Typografie können Verstärker des Inhalts sein.

Andererseits lenkt gerade dies vom Eigentlichen, der Lektüre, ab. Der E-Book-Reader – so paradox es klingen mag – ist ein idealer Begleiter des Lesers in unserer heutigen Zeit.

Das einfachste Model ohne Hintergrundbeleuchtung vieler Hersteller liefert ein immer gleiches Schriftbild ohne Reflexionen. Das Gerät ist leicht und sofort betriebsbereit und verspricht 30 Tage Lesegenuss ohne Nachladen. Es ist nicht größer als ein Taschenbuch und einhändig bedienbar. In meiner Fantasie hätte ich mir früher so den Fortschritt vorgestellt. Weiterlesen

Frauen lesen anders. Männer auch. Eine kleine Literaturblog-Statistik

Literaturblogs

Seit über zwei Jahren ist mein Literaturblog Kaffeehaussitzer online. Zwei Mal schon wurde ich in dieser Zeit gefragt, warum dort hauptsächlich Bücher von männlichen Autoren vorgestellt werden. Schon beim ersten Mal bin ich stutzig geworden und habe nachgezählt. Seit kurz darauf die Frage von jemand anderem wiederholt wurde, denke ich darüber nach, warum das so ist. Denn es stimmt, auf der Bücherliste des Blogs stehen (Stand heute) 109 Autorennamen, davon sind zehn weiblich, was einem Prozentsatz von 9,2 % entspricht. Ich habe meine Buchregale durchforstet und auch dort dürfte  – nach oberflächlichen Stichproben zu urteilen – das Verhältnis ein ähnliches sein.

Aber wähle ich meine Bücher bewusst danach aus, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben sind? Spontan würde ich sagen nein, auf keinen Fall. Wenn ich in einer Buchhandlung stöbere, muss mich bei einem unbekannten Autorennamen zuerst das Cover ansprechen, der Titel Interesse wecken, der Klappentext neugierig machen. Erst dann schaue ich, wer das Buch eigentlich geschrieben hat. Eigentlich. Weiterlesen

Zeit zum Lesen Eine Wiederentdeckung

IMG_4395

» ..ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen…«  Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1.

Wann lesen wir eigentlich noch? Ich meine damit nicht die vielen E-Mails, die beiläufig konsumierten Beiträge im Internet, sondern ganze Bücher?

Lesen kostet Zeit. Wenn auf die Frage an bekannte, vielbeschäftigte Zeitgenossen, was lesen Sie gerade? umfangreiche Werke wie »Der Turm« oder »The Circle« genannt werden, zweifle ich immer ein wenig und schaue auf mich.

Lesen ist zeitaufwändig. Größere Lektüren nehme ich mir für das Wochenende vor. Aber auch dieses ist oft schon mit vielen Terminen ausgekleidet und einen idealen Zeitpunkt zu störungsfreier Lektüre gibt es kaum. Ich empfinde oft, dass es gar als unsozial gilt, spontanen Verabredungen mit dem Hinweis auf eine gerade begonnene Lektüre zurückzustellen. Wer sagt schon, ich komme jetzt nicht mit Bier trinken, ich lese?

Aber dennoch versuche ich jeden Tag einen »schönen Text« zu genießen. Überall. Weiterlesen

Das Haben-Müssen-Gen

Alte Bücher

Kürzlich war ich wochenlang damit beschäftigt, meine Bücherregale zu durchforsten. Im Laufe der Jahre sammeln sich doch recht viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor. Weiterlesen

Im Gespinst des Dichters Über Dichterlesungen

IMG_1678

I

Ein Gemeindesaal in Bonn. Eine kleine Bühne, ein Sessel, ein Tisch, eine Leselampe. Das Publikum im Halbdunkeln. Ein paar Worte an die Zuhörer durch den Dichter. Er werde ohne Pause am Stück lesen, um den Spannungsbogen zu halten. Stille.

Der Dichter liest aus seinem Buch. Die Atmosphäre verdichtet sich. Das Geschriebene wird im Gesprochenen anders lebendig. Der Dichter weiß, wo er seine Stimme zu modulieren hat. In diesem Fall ist der Dichter ein früherer Schauspieler. Er »spielt« seinen Roman. Er macht es grandios. Robert Seethaler liest aus »Ein ganzes Leben«. Weiterlesen

Wie spielt die Musik?

Buch- und Musikindustrie

Es ist eine beeindruckende Graphik: Im Jahr 1976 wurden weltweit etwa 400 Millionen Schallplatten verkauft. Nur 16 Jahre später, im Jahr 1992 ist die Zahl kaum noch messbar. Die Tonträger aus Vinyl verschwanden innerhalb weniger Jahre von ihrer alles dominierenden Stellung nahezu in die Bedeutungslosigkeit.

vinylunitsAuch ich war wie so viele Millionen andere Teil dieses immensen Medienwandels. Nach einem Ferienjob als Schüler kaufte ich mir 1985 einen CD-Spieler und war einer der ersten in meinem Freundeskreis, der ein solches Gerät besaß. Dann ging es schnell und obwohl ich meine Schallplatten liebte, wurden sie zunehmend weniger benutzt; die CD-Sammlung nahm dagegen stetig zu. Für die Musikindustrie müssen das paradiesische Zeiten gewesen sein, CDs waren leicht herzustellen, einfacher zu lagern als Schallplatten und viele Fans kauften sich ihre Lieblingsplatten noch einmal auf CD neu. Das war der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.

Es folgte der zweite Schritt, den die Musikindustrie völlig verschlief und die Folgen dauern nach wie vor an. Die Umsätze mit Tonträgern brechen immer weiter ein, die Hörgewohnheiten einer ganzen itunes- und spotifysozialisierten Generation haben sich massiv verändert, große Player wie Apple oder Amazon beherrschen den Markt mit ihren geschlossenen Systemen.

Gerne wird diese Entwicklung auf die Buchbranche übertragen. Kann man das wirklich so einfach machen? Ich glaube nicht. Weiterlesen

Es hätte so schön sein können. Der Fiskus und die E-Books

E-Book-Bundle
So stellte ich mir bis vor Kurzem komfortables Lesen vor: Ich kaufe ein Buch in einer Buchhandlung und beginne zuhause darin zu lesen. Dann muss ich los, mit der Straßen-, U- oder sonst einer Bahn irgendwohin. Also schaue ich vorne in den Umschlag des Buches, finde dort einen Code, gebe diesen bei einem E-Book-Anbieter meiner Wahl ein und lade mir die elektronische Version des vorhin gekauften Buches schnell auf mein Smartphone. Oder auf mein Tablet. Oder meinen E-Reader. Ohne weitere Kosten. Unterwegs kann ich entspannt ein paar Seiten in der elektronischen Version weiterlesen. Und danach wieder im gedruckten Buch, ganz wie ich will. Das Beste aus zwei Welten vereint, die Freiheit des Lesers, sich für die der Situation optimal angepasste Version zu entscheiden. Mir persönlich ist die Haptik der Bücher wichtig, unterwegs würde ich aber auch auf die elektronische Version zugreifen, wenn sie im Preis inbegriffen wäre.

Würde. Wäre. Denn so einfach ist das alles leider nicht. Weiterlesen

Die Freiluftbibliothek

IMG_1622 2

Seit zehn Jahren trägt in der Stadt Bonn die Idee Früchte, den Bürgern einen »Offenen Bücherschrank« zur freien Ausleihe von Büchern an verschiedenen Stellen der Stadt anzubieten.

Die schlichte Grundüberlegung lautete: »Buchausleihe ohne Formalitäten und Zugang für alle.«

Bücher sollten in einem öffentlich zugänglichen Möbel entnommen und nach Nutzung wieder eingestellt werden können. Stille Kuratoren in der Nachbarschaft kümmern sich um den Bestand und Zustand eines öffentlichen Bücherregals. Aber der Erfolg des Gedankens beruht auch auf dem überragenden Design. Weiterlesen

Am Anfang war das Wort

Räuber Hotzenplotz
In Zeiten des digitalen Medienwandels ist auch der Bereich der Kinder- und Jugendbücher im Umbruch. Die audiodigitale Tiptoi-Reihe von Ravensburger fährt Umsatzrekorde ein, es gibt Kinderbücher als E-Book, Apps für Kinder und vieles mehr. So innovativ das alles sein mag, nichts kann das Wichtigste ersetzen, das Kinder mit Medien erleben können: Die gemeinsame Zeit, die sie mit ihren Eltern oder Großeltern verbringen und dabei ein Buch vorgelesen bekommen. Das sind prägende Erlebnisse und nichts vermittelt die Freude am Lesen und den Spaß an Geschichten mehr als diese gemeinsamen Stunden. Wie nachhaltig dies im Gedächtnis bleiben kann, habe ich vor einiger Zeit in meinem Blog Kaffeehaussitzer unter dem Titel „Am Anfang war das Wort“ beschrieben. Dieser Beitrag passt so gut zu dem Ansatz des Blogs Wie werden wir lesen, dass ich ihn hier noch einmal unterbringen möchte. Weiterlesen

Der Bücherlotse oder stellvertretend für alle, die mich bislang durch die Literatur geführt haben

IMG_1393

Die Stimme weckte gleich meine Aufmerksamkeit als im »Buchhändlergespräch« im Deutschlandfunk der Buchhändler Klaus Bittner drei Literaturempfehlungen gab. Schön, dass die Buchhandlung auch nach Hause kommt, dachte ich, während ich zuhörte. Im Radiotempo ging es Schlag auf Schlag weiter. Erst ein Krimi, das interessierte mich eigentlich nicht, glaubte ich, aber dann packte mich seine Begeisterung und ich notierte mir den Titel, auch wenn die Moderatorin (es musste ja weiter gehen auf den Radiowellen) abrupt zur zweiten Empfehlung, einem Erzählband von Isaak Babel, schwenkte. Bittner änderte die Tonlage und umriss in wenigen Worten diese Entdeckung. Eigentlich hätte ich mich sofort auf den Weg machen müssen, um gleich bei ihm – und nur bei ihm – das Werk zu kaufen, nicht ohne noch ein paar begleitende Worte des Buchhändlers zu hören, warum man seinen Nachmittag oder Abend sofort mit diesem Buch verbringen sollte.

Ich blieb jedoch am Esstisch sitzen und lauschte weiter.  Die Moderation kam zum Schluss, das merkte ich der Stimme sofort an, aber die letzten 75 Sekunden füllte Bittner mit einer letzten Empfehlung. Ich war gebannt. Dann zog ich mich an und ging zu seiner Buchhandlung. Weiterlesen

%d Bloggern gefällt das: