Literaturvermittlung im Netz Über Buchblogs, Literaturkritik und den Blogbuster-Preis

Photo: Vera Prinz

Beschäftigt man sich in der Buchbranche mit der Digitalisierung, stösst man früher oder später – eher früher – auf den Namen Steffen Meier. Er gilt seit vielen Jahren als Vordenker für die Zukunft des Publizierens und beschäftigt sich von Beginn an mit den Themen E-Books, Apps, Mobile, Webpräsenzen oder Social-Media. Beruflich leitet er die Bereiche Produktinnovation und -Marketing bei Readbox, er bloggt auf meier-meint.de, ist Buchautor, Autor von Fachartikeln, Referent, Dozent und überall dabei, wo es um neue Techniken und Abläufe geht. Sein jüngstes Projekt ist der Digital Publishing Report #dpr, ein Online-Magazin, das sich mit allen Facetten der Digitalisierung beschäftigt, alle zwei Wochen erscheint und Beiträge von unterschiedlichsten Akteuren nicht nur der Buch- und Verlagsbranche enthält. Es war mir eine große Freude und Ehre, dass in der Ausgabe 1/2017 ein Interview enthalten war, das Steffen Meier mit mir als Literaturblogger Kaffeehaussitzer geführt hat. Es geht dabei um Literaturvermittlung im Netz, vor allem aber um den neuen Blogbuster-Preis, ein Literaturpreis, der aus der Bloggerszene heraus entstanden und bei dem der Kaffeehaussitzer als einer von 15 Blogs beteiligt ist.

Das Interview gibt es nun auch hier auf wie werden wir lesen.

Wie kamen der „Blogbuster“ und der Blogger Uwe Kalkowski überhaupt zusammen?

Als ich im Juni 2013 mit meinem Blog Kaffeehaussitzer online ging, hatte ich keine Vorstellung von der Lebendigkeit und Vielfalt der Literaturblogs. Es dauerte aber nicht lange, bis ich zahlreiche Kontakte mit Gleichgesinnten geknüpft hatte, denn innerhalb der riesigen Buchblogger-Szene gibt es ja zahllose Blogger-Gruppen und -Grüppchen, sozusagen viele Unter-Szenen. Blogger mit ähnlichen Literaturvorlieben oder Ansinnen vernetzen sich, tauschen sich aus, kennen sich meist persönlich. Der Blogbuster-Erfinder Tobias Nazemi (buchrevier) und ich sind auf diese Weise schon länger in Kontakt. Als er mich während der Leipziger Buchmesse auf das Blogbuster-Projekt ansprach, habe ich spontan zugesagt, da ich das Konzept sehr spannend fand. Und nach wie vor finde.

Würden Sie sich selbst auch als Blogger bezeichnen?

Über diese Frage bin ich erst einmal gestolpert, anstatt sofort „Ja, natürlich“ zu antworten habe ich Wikipedia zu Rate gezogen und dort folgende Definition eines Bloggers gefunden: „Ein Blogger, international auch Weblogger genannt, ist Herausgeber oder Verfasser von Blog-Beiträgen…Ein Blogger steht als wesentlicher Autor über dem Text, schreibt zumeist in der Ich-Perspektive und integriert seine persönliche Meinung.“ Nach dieser Beschreibung bin ich nicht nur gefühlt, sondern ganz offiziell ein Blogger – denn insbesondere der persönliche Ansatz ist ein wichtiger Bestandteil und ein Erkennungsmerkmal der Blogbeiträge auf Kaffeehaussitzer. Also, um die Frage abschließend zu beantworten: Ja, natürlich.

Der Preis geriet etwas in die Kritik, vor allem vor dem Hintergrund, dass die ausgewählten 15 Literatur-Blogger nur eine Vorauswahl träfen, die eigentliche Auswahl läge aber bei einer „Fachjury unter dem Vorsitz des ARD-Literaturkritikers Denis Scheck“, darunter auch der Klett-Cotta-Verleger Tom Kraushaar, der das Gewinner-Manuskript veröffentlichen wird. Und letzten Endes ginge es nur um die Reichweite der beteiligten Literaturblogger, die ja zugegebenermaßen sehr stattlich ist. Also alles nur Marketing?

Der Blogbuster-Preis ist eine völlig neue Idee. Und – gerade in unserem Land – rufen neue Ideen ja gerne Bedenkenträger, Kritiker und Nörgler auf den Plan. Im Laufe der Durchführung wird sicherlich an der ein oder anderen Stelle Bedarf für Nachbesserungen ausgemacht werden – aber so ist das eben mit neuen Ideen. Sie wachsen. Und genau diese Wir-machen-das-jetzt-mal-Mentalität ist das, was bei uns in so vielen Bereichen fehlt.

Letztendlich ist die Vorauswahl die eigentliche Arbeit. Es gilt, aus vielen eingegangenen Manuskripten 15 auszusieben – eines je Blog. Die einreichenden Autoren können mehrere Wünsche angeben, welchem der beteiligten Blogger ihr Exposé mit Leseprobe weitergeleitet werden soll, die Organisatoren sorgen für die Verteilung. Und jeder Blog entscheidet dann, mit welchen der Manuskripte er sich näher beschäftigen möchte, arbeitet komplette Texte durch, wägt Stärken und Schwächen gegeneinander ab und geht dann mit einem ausgewählten Manuskript in die Endausscheidung. Und erst hier setzt dann die Tätigkeit der Jury an.

Um den teilnehmenden Autoren einen möglichst attraktiven Preis zu bieten, ist es sinnvoll, die Jury für den Finalisten hochkarätig zu besetzen. Und das ist mit Denis Scheck, Elisabeth Ruge oder Tom Kraushaar auf jeden Fall gelungen – von einem Buchvertrag bei Klett-Cotta/Tropen als Gewinn ganz zu schweigen. Zumal eine so prominente Besetzung für Aufmerksamkeit sorgt, um den Preis von Beginn an bekannt zu machen.

Die in der Frage zitierte Kritik daran kenne ich zwar, kann sie aber nicht nachvollziehen. Denn das Besondere an Blogbuster ist vor allem, dass es sich um eine Kooperation zwischen Bloggern und der Verlagsszene handelt, die komplett von Bloggerseite aus initiiert wurde. Die für mich den Versuch darstellt, die unnötigen Gräben zwischen Literaturblogs und Literaturkritik zuzuschütten, indem man die unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammen ins Boot holt.

„Aber warum sollte es Menschen mit einem unbestechlichen Urteil für literarische Qualität nicht auch unter Bloggern geben?“ – so wird Denis Scheck zitiert. Man könnte hier einen gehörigen Schuss Überheblichkeit hineininterpretieren, aber er ergänzte ja dann, dass man sich „blind, taub und dumm stellen müsse, um Blogs nicht als relevante Größe im Literaturbetrieb wahrzunehmen“. Dennoch schwingt hier und in der ganzen derzeitigen Debatte ein Ringen um die Rolle von Bloggern in der modernen Literaturkritik mit.

Eigentlich wollte ich mich zum leidigen Thema Blogs vs. Literaturkritik gar nicht äußern, da es sich in meinen Augen um eine unnötige Diskussion handelt, die auf einem Missverständnis beruht. Wie vieles andere auch verlagern sich Gespräche über Literatur mehr und mehr ins Netz. Aber Literaturblogs sind kein Feuilleton und ersetzen dieses auch nicht. Um noch einmal den o.g. Wikipedia-Eintrag zu zitieren: Ein Blogger steht als wesentlicher Autor über dem Text, schreibt zumeist in der Ich-Perspektive und integriert seine persönliche Meinung.“ Ein Blogbeitrag ist also das Gegenteil eines Feuilleton-Artikels, der Bücher mit literaturwissenschaftlichem Anspruch bespricht und einordnet. Es gibt zwar durchaus Blogs, die ein solches Niveau ebenfalls erreichen, aber in der Regel haben Literaturblogs einen völlig anderen Anspruch. Es geht darum, über Literatur zu reden, Leseeindrücke zu beschreiben, sich mit anderen Lesern auszutauschen. Und gerade durch diesen persönlichen Ansatz auf Augenhöhe können Blogs für Bücher begeistern. Oftmals auf einer sehr emotionalen Ebene, was sie für mich auch so lesenswert macht. Ich selbst sehe mich mit meinem Blog Kaffeehaussitzer ebenfalls als „Buchbegeisterer“ und auf keinen Fall als Literaturkritiker. Wenn ich von einem Werk überzeugt bin, möchte ich mich am liebsten mit einem Megaphon auf eine Straßenkreuzung stellen und meine Begeisterung herausrufen – damit so viele Menschen wie möglich dieses Buch lesen. Das ist wahrscheinlich das Buchhändler-Gen in mir.

Buchblogs und Feuilleton sind daher zwei Welten, die beide nebeneinander existieren und zwischen denen es eigentlich kaum Bezugspunkte gibt. Die bissigen Seitenhiebe, die gerne von Seiten des Feuilletons gegen die Buchblogger-Szene ausgeteilt werden, zeigen eigentlich nur, dass sich dort kaum jemand mit der unglaublichen Vielfalt und der Heterogenität der Literaturblogs auseinandergesetzt hat. Gerne werden nämlich dabei Blogs herausgepickt, die sich z.B. mit Young Adult-Themen oder Fantasy-Literatur beschäftigen, dann wird über „die Literaturblogs“ geschrieben und nicht mit Hohn über vermeintlich triviales Leseverhalten gespart. Dass sich die Leser dieser beispielhaft genannten Blogs möglicherweise kein bisschen für feuilletonistische Buchkritik interessieren, weil sie sich eben in einer ganz anderen Nische der Literatur aufhalten, bleibt dabei unverstanden. Genauso absurd sind aber auch Blogbeiträge aus der Gegenrichtung, in denen „die Literaturblogs“ als das neue Feuilleton gefeiert werden. „Die Literaturblogs“ gibt es eben nicht, zu vielfältig sind die unterschiedlichen Ausprägungen.

Das einzig Erfreuliche an dieser Diskussion war im vergangenen März die Gründung des Online-Magazins Tell, das es schafft, das Beste aus beiden Welten auf einem sehr hohen Niveau miteinander zu verbinden. Hier lohnt sich ein Besuch eigentlich immer. Auch das Blogbuster-Projekt nutzt Synergien aus beiden Welten – deshalb bin sehr gespannt, wohin es sich entwickeln wird.

Dafür, dass ich dazu eigentlich gar nichts sagen wollte, ist es doch eine recht lange Antwort geworden. Vielleicht abschließend ein Zitat des Bloggers Ilja Regier, der den lesenswerten Blog Muromez betreibt, ebenfalls zum Blogbuster-Team gehört und kürzlich in einem Beitrag geschrieben hat: „Ich möchte ein bloggender Leser sein, kein lesender Blogger.“ Ein Satz, den ich sofort unterschreiben würde und der für mich das Selbstverständnis beschreibt, mit dem auch ich meinen Blog betreibe.

Zurück zum Blogbuster – wie kann man sich ganz praktisch die Jury-Arbeit vorstellen? Manuskripte lesen bis zum Umfallen?

Mit dem Stichtag 31. Dezember 2016 sind bei Blogbuster 252 Manuskripte eingegangen. Da Genreliteratur ausgeschlossen ist, sorgte diese Einschränkung schon im Vorfeld für eine Auswahl. Im Schnitt erhält jeder der beteiligten Blogger etwa 15 Exposees und Leseproben, manche mehr, manche weniger. Wir sind alles leidenschaftliche Leser mit einem entsprechenden Anspruch an Stil und Sprache. Bei der Durchsicht der eingegangenen Materialien kann man recht schnell diejenigen zur Seite legen, die für einen persönlich nicht in Frage kommen. Bei mir etwa klingen drei, vielleicht vier Manuskriptangebote so interessant, dass ich mir den gesamten Text von den Autoren anfordern werde. Mit diesen Texten beschäftige ich mich dann intensiver und werde mich für einen entscheiden müssen, mit dem der Kaffeehaussitzer in den Pitch geht. Es ist also machbar.

Im Moment diskutieren viele die Rolle von Maschinenintelligenz bei der Auswahl „marktfähiger“ Manuskripte. Wird ein Algorithmus, eine Künstliche Intelligenz in zehn Jahren die Arbeit einer Blogbuster-Jury übernehmen?

Zugegeben, die erste Reaktion auf diese Frage ist bei mir ein ungläubiges Lächeln. Dann überlege ich aber, was ich wohl vor 20 Jahren gesagt hätte, wenn mir prophezeit worden wäre, dass man sich beim Telefonieren per Kamera weltweit sehen kann – und nicht einmal etwas dafür bezahlen muss. Vor 20 Jahren, als ich noch mit meinen WG-Mitbewohnern Telefoneinheiten aufgeschrieben habe, um dann die Rechnung mühsam aufzuteilen. Was ich damit sagen will: Was in Zukunft möglich sein wird, ist vor dem Hintergrund unserer rasanten technischen Entwicklung fast nicht vorherzusagen. Es wird sicherlich Techniken geben, die momentan vollkommen außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen. Vielleicht kann eine Künstliche Intelligenz tatsächlich eines Tages ein Manuskript beurteilen. Ich wage aber zu behaupten, dass dies nur in formaler Art und Weise möglich sein würde, gut geeignet für Titel des Massenmarktes, die stets nach den gleichen Kriterien konzipiert sind. Ob aber jemals eine KI die emotionale Tiefe eines Werkes zu erkennen vermag? Sprachexperimente in ihrer Originalität einzuordnen versteht? Ein Sprachkunstwerk von Trivialliteratur zu unterscheiden versteht? Das bezweifle ich sehr. Aber wir können uns gerne im Jahr 2026 noch einmal darüber unterhalten.

Nachtrag, Anfang Februar 2017: Inzwischen habe ich mich für einen Blogbuster-Kandidaten entschieden. Das Manuskript hatte mich vollkommen begeistert.

Sind Comics große Literatur? Literaturnobelpreis für die Zeichner

img_0087-2Eine Ausstellung der Schirn in Frankfurt vom Juni bis September 2016 »Pioniere des Comics« und die Verleihung des Literaturnobelpreises an den Singersongwriter Bob Dylan ließ mich über die Frage noch einmal neu nachdenken.

In der wunderbaren Frankfurter Schau von Juni bis September 2016 traf ich zum ersten Mal die Urväter dieser Gestaltungskunst und konnte mit Blick auf die teilweise über 100 Jahre alten Blätter eines sagen: Dies muss Kunst sein!

Auf Lyonel Feininger zu treffen, überraschte mich. Die Meisterschaft, für die er als Maler geschätzt wird, entwickelte er aus seiner Tätigkeit als kommerzieller Karikaturist. In seinen Comics klingen schon die Landschaftsbilder an, für die er berühmt wurde, sein erstes Publikum fesselte er mit grimassierenden Häusern und »sprechenden Landschaften«. Seine Blätter erschien bereit 1906 in der Chicago Tribune und lassen sich in Kenntnis seines späteren malerischen Werks noch auf ganz andere Weise betrachten.

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Charles Forbell schaffte mit  »Naughty Pete« (siehe das Titelbild dieses Beitrags) einen liebenswerten Lausbub, den er mit grafischem Geschick wöchentlich über eine ganze Zeitungsseite agieren ließ und sich dabei nicht an den engen Zuschnitt rechteckiger Bildbegrenzungen hielt. Jede neue Folge muss auch für den damaligen Leser ein zauberhaftes Erlebnis gewesen sein,  so einmalig komponierte er seine Blätter.

Aber ist diese Darstellung Literatur? Comictexte sind oft spärlich und für sich genommen belanglos. Das  gilt auch für viele Liedtexte. In beiden Fällen ist es die Kombination von Text mit der jeweiligen Kunst, sei es die Grafik, sei es die Stimme, die das Dargebotene zum Erlebnis machen.

Die Zeichner arbeiten wie Lyriker mit der Verknappung auf engstem Raum, mit dem Platz einer Zeitungsseite oder vielleicht einer kurzen Bildfolge von maximal drei Kästen.

Und so bedurfte es manchmal anderer Tugenden, episch wie Marcel Proust zu werden. Frank King hat über drei Jahrzehnte Woche für Woche in »Gasoline Alley« ein amerikanisches Leben abgebildet und passte im Laufe der Zeit  den grafischen Stil auch an die jeweiligen Zeichen-Moden an.

Der Blick von den Anfängen lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Graphic Novels heutiger Zeit, die als illustrierte Romane Beachtung in den Feuilletons bekommen haben. Hier werden in unterschiedlichen Stilen historische Gestalten oder Geschehen oder komplexe Geschichten in Text und Bild zum Leben erweckt und lassen den Leser anders eintauchen als in der reinen literarischen Form. Mit Joe Sacco schuf ein journalistischer Zeichner die Comic-Reportage. Saccos Zeichenkunst (siehe unser nachfolgendes Bild) macht in dieser Weise den Comic zu einer Dokumentation von zeitgeschichtlichen Ereignissen.

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Gehört der Comic zur höheren Literatur? Seit der Verleihung des Nobelpreis für Literatur an einen Sänger, ist die Frage leichter zu entscheiden. Grafisches Erzählen ist eine Form der Kombinationskunst, in der Texte im Zusammenspiel mit anderer Kunst veredelt und zum Leben erweckt werden. Ist die große Anerkennung nur ein Frage der Zeit?

Verlage sind keine Verwerter

Verlage sind keine Verwerter

Der Bundesgerichtshof hat am 21. April 2016 ein Urteil verkündet, das man getrost als Schlag ins Gesicht der Verlagskultur in Deutschland bezeichnen kann.

Was war geschehen? Es ging um die Ausschüttungen der VG Wort. Bei der VG Wort gehen alle Abgaben, die für Vervielfältigung von Texten z.B. durch Kopierer in Bibliotheken oder Schulen bezahlt werden müssen, ein. Bis vor kurzem war es gängige Praxis, das die jährlichen Ausschüttungen an die Rechteinhaber zwischen Autoren und Verlagen aufgeteilt wurden. Und es geht dabei nicht nur um ein paar hundert Euro im Jahr, sondern um bedeutende Summen.

Aufgrund einer Klage hat nun der BGH entschieden, dass diese bisher praktizierte Aufteilung unrechtmäßig sei und die Ausschüttung alleinig den Autoren zustehen würde. Eine Auffassung, die mich wütend und ratlos zugleich macht, zeugt sie doch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit. Sie drängt damit Verlage in die Rolle der „Verwerter“ – und das sind sie nicht.

Verlage sind Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was ich meine. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Buch entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch. Das wirtschaftliche Risiko trägt dabei alleinig der Verlag. Und ja, Autorenhonorare mögen bei nicht ganz so bekannten Schriftstellern nicht gerade üppig sein, aber vor dem Hintergrund der oben kurz angerissenen Arbeitsabläufe ist das verständlich. Weiterlesen

Kaffeesatzlesen für eine Dekade Wie verändert sich die Buchbranche?

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Die Zeitschrift „Streifband“ wird herausgegeben vom Studiengang Buch- und Medienproduktion der HTWK Leipzig und erscheint seit 1996 jeweils zu den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt. Ende des letzten Jahres erhielt ich eine Anfrage der Streifband-Redaktion, ob ich für das Leipzig-Heft 2016 einen Text über die Zukunft der Buchbranche schreiben wolle. Zuerst war ich – ehrlich gesagt – etwas erschrocken ob dieser Herausforderung; der Umbruch in unserer Branche ist so gewaltig, dass ernsthafte Prognosen schwierig sind. Doch dann erschien diese Aufgabe in einem immer reizvolleren Licht, schließlich habe ich seit 1993 beruflich mit Büchern und Medien zu tun und bin selbst sehr gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. So versuchte ich mich an einer Kaffeesatzleserei, um – rein subjektiv – vorherzusagen, wohin die Reise gehen mag. Der Text erscheint in Streifband 27 im März 2016. Und gleichzeitig hier in diesem Blog. Weiterlesen

Eine Epoche als literarische Miniatur

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Geschichte kann man sich rein faktisch nähern oder…fiktiv.

Der Zufall bescherte mir zwei ideal aufeinander aufbauende Werke als Lektüre. Mercè Rodoredas’ »Der Garten über dem Meer« und Joan Sales, »Flüchtiger Glanz«.

Im »Der Garten über dem Meer« entfaltet sich über den Zeitraum von sechs Sommern das Leben der  »besseren« katalanischen Gesellschaft in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren. Bei Rodoreda setzt sich das Bild aus den Dialogen vieler Personen zusammen. Der äußere Glanz kann nicht verbergen, dass sich hier bereits die Risse einer zu Ende gehenden Epoche zeigen, die schließlich in einem Bürgerkrieg enden wird.

Sind die hier dargestellten Verwerfungen nicht ein Spiegelbild dessen, was sich im Großen an tektonischen Veränderungen politisch wie sozial schon zeigt? Weiterlesen

Lesen in schweren Zeiten Lektüren in Not, Angst und Trauer

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Kann man seine gewohnte Lektüre fortsetzen, wenn schon Nachrichten und Ereignisse den Tag in ein »Vorher« und »Nachher« teilen?

Was kommt nach der Fassungslosigkeit, einer niederschmetternden Diagnose, einschneidenden Ereignissen oder einem persönlichen Verlust?

Seit fast 20 Jahren habe ich ein »Stundenbuch« in meiner Tasche, einem Gebetbuch für jeden Tag. Dieses abgegriffene Buch hat mich seither fast jeden Tag begleitet. Es enthält Psalmen, Gesänge und Bibelstellen für jeden Tag von vier Wochen. Danach beginnt man wieder von Vorne zu lesen.

Das Buch hatte ich bei mir, als die Anschläge des 11. Septembers 2001 geschahen, aber auch in persönlichen schweren Stunden. Die markantesten Daten dieser Zeit habe ich an entsprechender Stelle im Buch mit Bleistift vermerkt.

Bei den Texten handelt es sich in erster Linie um Psalmen. Ich lese sie in meiner jeweiligen Stimmung und Verfassung. Ihre Wiederkehr wirkt stabilisierend. Es entsteht eine Atmosphäre der Vertrautheit. Einzelne Motive dieser Literatur treten –  je nachdem – stärker oder schwächer hervor.

Die Texte trösten. Trotz ihres Alters spiegeln sie Grundstimmungen des damaligen Menschen wieder, die sich von den heutigen wenig unterscheiden. Furcht, Wut, Liebe. Die Texte verstärken Gedankenmuster, die wir mit ihnen verbinden: Trost, Kampfbereitschaft, Zuversicht. Weiterlesen

Das literarische Blogtett Über Buchblogger

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Photo: Orbanism

Literaturkritik findet neuerdings ja auch wieder im TV statt, in Zeitungen seit jeher, aber zunehmend und ernstzunehmend auch im Netz in Form von Buch- und Literaturblogs. Auf deren Seiten werden Bücher mit den Mitteln der Internetästhetik präsentiert.

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es nun ein Buchblogger-Treffen. Es war eine Zusammenkunft der oftmals nur virtuell miteinander bekannten Netzrezensenten. Aber anders als im etablierten und ritualisierten Betrieb der Buchmesse ein paar Gänge weiter, ging es den Gesichtern und der Geräuschkulisse nach ungestüm, regellos, fröhlich und laut zu.

Was treibt Buchblogger um, die mit unglaublicher Liebe zum Detail Bücher formschön in Wort und Bild präsentieren? Wie soetwas mit den heutigen Gestaltungsmitteln aussehen kann, zeigt diese Übersicht.

Dass sich diese Gruppe nun auf der Frankfurter Buchmesse zusammenfand, gehört zu den hoffnungsvollen Zeichen dieser Veranstaltung, soweit sie sich mit der Zukunft des Lesens befasst. Weiterlesen

Nichts als Lesen E-Book-Reader und Buch

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Bücher sollen verführen. Ausstattung, Papier, Typografie können Verstärker des Inhalts sein.

Andererseits lenkt gerade dies vom Eigentlichen, der Lektüre, ab. Der E-Book-Reader – so paradox es klingen mag – ist ein idealer Begleiter des Lesers in unserer heutigen Zeit.

Das einfachste Model ohne Hintergrundbeleuchtung vieler Hersteller liefert ein immer gleiches Schriftbild ohne Reflexionen. Das Gerät ist leicht und sofort betriebsbereit und verspricht 30 Tage Lesegenuss ohne Nachladen. Es ist nicht größer als ein Taschenbuch und einhändig bedienbar. In meiner Fantasie hätte ich mir früher so den Fortschritt vorgestellt. Weiterlesen

Frauen lesen anders. Männer auch. Eine kleine Literaturblog-Statistik

Literaturblogs

Seit über zwei Jahren ist mein Literaturblog Kaffeehaussitzer online. Zwei Mal schon wurde ich in dieser Zeit gefragt, warum dort hauptsächlich Bücher von männlichen Autoren vorgestellt werden. Schon beim ersten Mal bin ich stutzig geworden und habe nachgezählt. Seit kurz darauf die Frage von jemand anderem wiederholt wurde, denke ich darüber nach, warum das so ist. Denn es stimmt, auf der Bücherliste des Blogs stehen (Stand heute) 109 Autorennamen, davon sind zehn weiblich, was einem Prozentsatz von 9,2 % entspricht. Ich habe meine Buchregale durchforstet und auch dort dürfte  – nach oberflächlichen Stichproben zu urteilen – das Verhältnis ein ähnliches sein.

Aber wähle ich meine Bücher bewusst danach aus, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben sind? Spontan würde ich sagen nein, auf keinen Fall. Wenn ich in einer Buchhandlung stöbere, muss mich bei einem unbekannten Autorennamen zuerst das Cover ansprechen, der Titel Interesse wecken, der Klappentext neugierig machen. Erst dann schaue ich, wer das Buch eigentlich geschrieben hat. Eigentlich. Weiterlesen

Zeit zum Lesen Eine Wiederentdeckung

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» ..ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen…«  Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1.

Wann lesen wir eigentlich noch? Ich meine damit nicht die vielen E-Mails, die beiläufig konsumierten Beiträge im Internet, sondern ganze Bücher?

Lesen kostet Zeit. Wenn auf die Frage an bekannte, vielbeschäftigte Zeitgenossen, was lesen Sie gerade? umfangreiche Werke wie »Der Turm« oder »The Circle« genannt werden, zweifle ich immer ein wenig und schaue auf mich.

Lesen ist zeitaufwändig. Größere Lektüren nehme ich mir für das Wochenende vor. Aber auch dieses ist oft schon mit vielen Terminen ausgekleidet und einen idealen Zeitpunkt zu störungsfreier Lektüre gibt es kaum. Ich empfinde oft, dass es gar als unsozial gilt, spontanen Verabredungen mit dem Hinweis auf eine gerade begonnene Lektüre zurückzustellen. Wer sagt schon, ich komme jetzt nicht mit Bier trinken, ich lese?

Aber dennoch versuche ich jeden Tag einen »schönen Text« zu genießen. Überall. Weiterlesen

Das Haben-Müssen-Gen

Alte Bücher

Kürzlich war ich wochenlang damit beschäftigt, meine Bücherregale zu durchforsten. Im Laufe der Jahre sammeln sich doch recht viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor. Weiterlesen

Im Gespinst des Dichters Über Dichterlesungen

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Ein Gemeindesaal in Bonn. Eine kleine Bühne, ein Sessel, ein Tisch, eine Leselampe. Das Publikum im Halbdunkeln. Ein paar Worte an die Zuhörer durch den Dichter. Er werde ohne Pause am Stück lesen, um den Spannungsbogen zu halten. Stille.

Der Dichter liest aus seinem Buch. Die Atmosphäre verdichtet sich. Das Geschriebene wird im Gesprochenen anders lebendig. Der Dichter weiß, wo er seine Stimme zu modulieren hat. In diesem Fall ist der Dichter ein früherer Schauspieler. Er »spielt« seinen Roman. Er macht es grandios. Robert Seethaler liest aus »Ein ganzes Leben«. Weiterlesen

Wie spielt die Musik?

Buch- und Musikindustrie

Es ist eine beeindruckende Graphik: Im Jahr 1976 wurden weltweit etwa 400 Millionen Schallplatten verkauft. Nur 16 Jahre später, im Jahr 1992 ist die Zahl kaum noch messbar. Die Tonträger aus Vinyl verschwanden innerhalb weniger Jahre von ihrer alles dominierenden Stellung nahezu in die Bedeutungslosigkeit.

vinylunitsAuch ich war wie so viele Millionen andere Teil dieses immensen Medienwandels. Nach einem Ferienjob als Schüler kaufte ich mir 1985 einen CD-Spieler und war einer der ersten in meinem Freundeskreis, der ein solches Gerät besaß. Dann ging es schnell und obwohl ich meine Schallplatten liebte, wurden sie zunehmend weniger benutzt; die CD-Sammlung nahm dagegen stetig zu. Für die Musikindustrie müssen das paradiesische Zeiten gewesen sein, CDs waren leicht herzustellen, einfacher zu lagern als Schallplatten und viele Fans kauften sich ihre Lieblingsplatten noch einmal auf CD neu. Das war der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.

Es folgte der zweite Schritt, den die Musikindustrie völlig verschlief und die Folgen dauern nach wie vor an. Die Umsätze mit Tonträgern brechen immer weiter ein, die Hörgewohnheiten einer ganzen itunes- und spotifysozialisierten Generation haben sich massiv verändert, große Player wie Apple oder Amazon beherrschen den Markt mit ihren geschlossenen Systemen.

Gerne wird diese Entwicklung auf die Buchbranche übertragen. Kann man das wirklich so einfach machen? Ich glaube nicht. Weiterlesen

Es hätte so schön sein können. Der Fiskus und die E-Books

E-Book-Bundle
So stellte ich mir bis vor Kurzem komfortables Lesen vor: Ich kaufe ein Buch in einer Buchhandlung und beginne zuhause darin zu lesen. Dann muss ich los, mit der Straßen-, U- oder sonst einer Bahn irgendwohin. Also schaue ich vorne in den Umschlag des Buches, finde dort einen Code, gebe diesen bei einem E-Book-Anbieter meiner Wahl ein und lade mir die elektronische Version des vorhin gekauften Buches schnell auf mein Smartphone. Oder auf mein Tablet. Oder meinen E-Reader. Ohne weitere Kosten. Unterwegs kann ich entspannt ein paar Seiten in der elektronischen Version weiterlesen. Und danach wieder im gedruckten Buch, ganz wie ich will. Das Beste aus zwei Welten vereint, die Freiheit des Lesers, sich für die der Situation optimal angepasste Version zu entscheiden. Mir persönlich ist die Haptik der Bücher wichtig, unterwegs würde ich aber auch auf die elektronische Version zugreifen, wenn sie im Preis inbegriffen wäre.

Würde. Wäre. Denn so einfach ist das alles leider nicht. Weiterlesen

Die Freiluftbibliothek

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Seit zehn Jahren trägt in der Stadt Bonn die Idee Früchte, den Bürgern einen »Offenen Bücherschrank« zur freien Ausleihe von Büchern an verschiedenen Stellen der Stadt anzubieten.

Die schlichte Grundüberlegung lautete: »Buchausleihe ohne Formalitäten und Zugang für alle.«

Bücher sollten in einem öffentlich zugänglichen Möbel entnommen und nach Nutzung wieder eingestellt werden können. Stille Kuratoren in der Nachbarschaft kümmern sich um den Bestand und Zustand eines öffentlichen Bücherregals. Aber der Erfolg des Gedankens beruht auch auf dem überragenden Design. Weiterlesen

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