Kauf.Entscheidung Wir haben die Wahl

Seit diesem Jahr gilt Jeff Bezos als reichster Mann der Welt, die von ihm gegründete Firma Amazon erzielt einen Umsatzrekord nach dem anderen. Viele, die dort einkaufen, sind begeistert von der unkomplizierten Abwicklung und dem guten Kundenservice – zwei Dinge, die Amazon so groß gemacht haben. Gleichzeitig hinterlässt Amazons Erfolg eine Schneise der Verwüstung und ist ein maßgeblicher Grund für gravierende gesellschaftliche Verwerfungen. In Zeiten, in denen über den Einfluss der sozialen Medien auf die Spaltung der Gesellschaft diskutiert wird, lohnt es sich, darüber hinaus auch einmal einen Blick auf den Versandhändler aus Seattle zu werfen. Der folgende Text ist ursprünglich direkt nach der Bundestagswahl 2017 entstanden und wurde damals im Blog Kaffeehaussitzer veröffentlicht. Ein halbes Jahr später ist er aktueller denn je.

Wo anfangen? Vielleicht mit dem vorläufigen Höhepunkt einer jahrelangen Entwicklung: Bei der Bundestagswahl 2017 wurde mit der AfD eine Partei in unser Parlament gewählt, die offen rassistisches, antisemitisches und reaktionäres Gedankengut vertritt. Die für all das steht, was viele von uns für überwunden gehalten haben. Oder von dem sie zumindest gedacht haben, es sei in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Weit gefehlt. Leider.

Aber woher kommt dieser Trend hin zum rechten Rand? Woher kommt diese Wut auf die etablierten Parteien und die Politik? Dieser Wunsch, „denen da oben“ mal so einen richtigen Denkzettel zu verpassen? Viel wurde darüber im Vorfeld der Wahl geredet und geschrieben, es ging um die Situation der Abgehängten, der Wendeverlierer, um immer weiter auseinanderklaffende gesellschaftliche Risse, arm und reich, Stadt und Land, Flüchtlingskrise, Unterschiede im kulturellen Denken und vieles mehr.

All diese Punkte, einzeln oder gemeinsam betrachtet, sind Symptome eines gravierenden gesellschaftlichen Wandels, der vor drei Jahrzehnten begonnen hat und der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vielmehr sind es nur die ersten politischen Ausläufer, die wir durch die Bundestagswahl mitbekommen haben. Dieser gesellschaftliche Wandel ist die Erosion des Mittelstands und er betrifft uns alle.

Der Mittlere Westen und das Lahntal

Klar geworden ist mir dies bei der Lektüre des Buches „Die Abwicklung“ von George Packer. Der Autor beschreibt darin den Niedergang des Kernlands der USA; den gesellschaftlichen Wandel im Mittleren Westen, der letztendlich mit dazu beitrug, einem Egomanen mit psychopathischen Zügen den Weg ins Weiße Haus zu ebnen. Besonders beeindruckt hat mich in diesem Buch die Erfolgsgeschichte Sam Waltons, des Gründers der Supermarktkette Wal-Mart. Die Expansion Wal-Marts durch gnadenlose Preisdumping-Politik ist ein Beispiel von Raubtier-Kapitalismus in Reinform: Innerhalb weniger Jahre war die komplette Infrastruktur des Mittleren Westens verschwunden; kleine Läden, Handwerksbetriebe, familiengeführte Geschäfte – alles, was Kleinstädten Struktur, Arbeit und damit Sicherheit gibt, vernichtet. Geblieben waren schlecht bezahlte Jobs in den riesigen Wal-Mart-Supermärkten. So schlecht bezahlt, dass man wiederum auf die alles unterbietenden Wal-Mart-Preise angewiesen war. Ein Teufelskreis. Packer hat das wie folgt beschrieben:

„Erst nach seinem Tod, als der urige, bodenständige Sam nicht mehr das öffentliche Gesicht der Firma war, begannen die Menschen zu verstehen, was Wal-Mart angerichtet hatte. Das ganze Land war eine Art Wal-Mart geworden. Es war billig. Die Preise waren niedrig, und die Löhne waren niedrig. Die Industrie beschäftigte nur noch wenige Arbeiter, die selten gewerkschaftlich organisiert waren. … Die Kleinstädte, in denen Sam Walton seine Chance gesehen und genutzt hatte, verarmten zusehends, weshalb die Kunden immer mehr auf die  ‚jeden Tag günstigen Preise‘ von Wal-Mart angewiesen waren. … Das Heartland, Amerikas traditonelles Kernland, wurde immer weiter ausgehöhlt, was die Umsätze der Firma weiter steigerte.“

Dieses Zitat hat sich mir nachhaltig eingeprägt. Denn noch während ich „Die Abwicklung“ gelesen habe, verbrachte ich ein Wochenende mit Rudern und Radfahren im Lahntal, mitten in der hessischen Provinz. Warum ich das erzähle? Weil mir dort beim Besuch des malerischen Städtchens Weilburg etwas aufgefallen ist, was ich bisher verdrängt hatte. Klar, auch bei uns ist dauernd vom Sterben des Einzelhandels die Rede. Noch nie aber konnte ich das mit solch einer Deutlichkeit sehen, wie beim Bummel durch die malerische Gassen dieser kleinen Stadt mit ihrem pompösen Schloss. In manchen Straßenzügen gab es kein einziges Ladenlokal mehr, das nicht leer stand, nicht mit Brettern verammelt war. Dazwischen aufgegebene Restaurants und Cafés. In Teilen der pittoresken Innenstadt war kaum ein Mensch auf der Straße. Es war ein Bild der Trostlosigkeit, der Anblick einer sterbenden Stadt, mühsam kaschiert durch Kanu- und Reisegruppentourismus. Ich war schockiert, denn so drastisch hatte ich es noch nie wahrgenommen. Und es ist doch etwas anderes, wenn man jahrelang von Verödung der Innenstädte, Landflucht und Niedergang der Kleinstädte liest, als wenn man diesen Verfall mit eigenen Augen sieht.

Die allermeiste Zeit meines Lebens bewege ich mich in einem großstädtischen Umfeld, wo die Bedrängnis, in die Einzelhandelsgeschäfte geraten sind, auf den ersten Blick nicht so auffällt. Es verschwinden zwar nach und nach die letzten inhabergeführten Bekleidungs-, Spielzeug- und Schuhläden, aber bisher wird der Leerstand noch durch Filialen der Ketten, Handyshops oder Billigläden gefüllt. Auch eine negative Veränderung, aber sie fällt nicht so drastisch ins Auge wie leergefegte Fußgängerzonen, in denen es kaum noch Geschäfte gibt.

Und genau dies ist der gesellschaftliche Wandel, von dem ich eingangs sprach. Über den ich in Packers Buch gelesen habe. Und den man mit eigenen Augen sehen kann, nicht irgendwo im Mittleren Westen, sondern bei uns. Einzelhandel und Handwerksbetriebe verkörpern wie kaum andere Branchen den Mittelstand. Sie sorgen für eine funktionierende Infrastruktur, für Arbeit, Lebensqualität und Perspektiven.

Eigentlich ist es ganz logisch: Der Mittelstand ist das Rückgrat der Gesellschaft. Bricht der Mittelstand weg, fällt unsere Gesellschaft auseinander – und in ländlichen Gegenden ist diese Entwicklung schon weit fortgeschritten. Es sind diese auseinanderbrechenden Strukturen, die damit verbundene Unsicherheit und Zukunftsangst, die den davon betroffenen Menschen das Gefühl vermittelt, zu den Abgehängten zu gehören. Zu denen, für die sich niemand interessiert, um die sich niemand kümmert. Dies ist der Nährboden für die Wut der Frustrierten und die AfD hat es geschafft, mit Ressentiments und Hetze diese Wut zu kanalisieren und zu instrumentalisieren.

Angefangen hat dies alles vor etwa drei Jahrzehnten, als die Einkaufszentren vor den Toren der Städte wie Pilze aus dem Boden schossen, als es für all die kurzsichtigen Stadtverwaltungen en vogue war, sich mit einer nagelneuen Shopping-Mall zu schmücken. Die Folge war das erste große Sterben der Innenstädte.

Dann kam das Internet und mit ihm die ersten Online-Händler. Plötzlich waren alle Bedürfnisse nur noch einen Mausklick entfernt, musste man zum Shoppen sein Zuhause nicht mehr verlassen. Und dem riesigen Marketingbudget der großen Online-Versender hatte ein Händler vor Ort kaum etwas entgegenzusetzen. Schöne neue Welt. Die Folge ist das zweite große Sterben der Innenstädte. Und damit verbunden das Sterben des Mittelstands. Und damit verbunden die Auflösung unserer gesellschaftlichen Strukuren, das Entstehen von Wut, Frust und Ressentiments. Und damit verbunden die Erfolge radikaler und populistischer Parteien.

Was können wir tun?

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mir geht es nicht darum, den Online-Handel zu verteufeln. Oder einer vermeintlich guten alten Zeit hinterherzutrauern.

Mir geht es darum, dafür zu sensibilisieren, dass jeder von uns mit seinem Konsumverhalten gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Online-Shopping hat für uns Kunden viele Vorteile, ist bequem und optimal geeignet, um auch ausgefallenere Produkte zu bestellen. Dinge des täglichen Bedarfs aber nicht vor Ort zu kaufen, trägt zur weiteren Erosion unserer Gesellschaft bei. Bücher sind da ein perfektes Beispiel: Wer ein Buch bei Amazon bestellt, es sich von einem hunderte von Kilometern entfernten Auslieferungslager schicken lässt, anstatt zur Buchhandlung in der Innenstadt zu gehen (oder es in deren Webshop zu bestellen), stärkt mit diesem Einkaufsverhalten den Infrastrukturzerstörer und Steuernvermeider aus Seattle. Der vielleicht einen perfekten Service bietet, aber keine Arbeit vor Ort. Und wenn irgendwo ein – von der Politik kurzsichtigerweise meist subventioniertes – Amazon-Auslieferungslager entsteht, werden dadurch prekäre Jobs geschaffen auf Kosten guter Arbeitsplätze. Die Wal-Mart-Erfolgsgeschichte sollte einem Mahnung genug sein.

Deshalb der langen Rede kurzer Sinn:

Kauft vor Ort ein. Sorgt damit für Stabilität in euren Städten und Regionen. Man kann jeden Euro nur einmal ausgeben, deshalb macht euch klar, dass jeder Euro an Amazon und Co. aus euren Städten unwiederbringlich abfließt. Helft mit, durch euer Einkaufsverhalten die gesellschaftliche Erosion zu stoppen.

Und sicher, man kann natürlich politische Maßnahmen fordern, etwa eine geänderte Steuergesetzgebung oder arbeitsrechtliche Reformen. Alles richtig und wichtig. Man kann aber auch schon einmal damit anfangen, über sein eigenes Einkaufsverhalten nachzudenken.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Auf Kaffeehaussitzer blogge ich über Literatur. Und als Literaturblogger würde ich niemals meine Buchtipps mit Links zu Amazon versehen. Da käme zwar etwas Geld zusammen, aber gleichzeitig hätte ich das Gefühl, meine Seele verkauft zu haben.

Denn wir haben die Wahl. Jeden Tag.

Bilderstürmer im 21. Jahrhundert

Im Lauf der Geschichte waren Kunstwerke oftmals Opfer gesellschaftlicher Veränderungen. Man denke an die Kultur der Griechen und Römer, deren Erbe nur bruchstückhaft das Mittelalter überstanden hat. Oder an die Bilderstürmer der Reformationszeit, die alles zerstörten, was nicht ihren neuen Normen entsprach und im Namen des Fortschritts unzählige sakrale Kunstschätze vernichteten. Oder die Verstümmelung antiker Skulpturen durch prüde Eiferer im 19. Jahrhundert. Oder die Beton-Barbarei moderner Stadtplaner, der seit den 60er-Jahren unzählige architektonische Schätze zum Opfer gefallen sind.

Das sind nur ein paar Beispiele aus der Vergangenheit. Aber eine Art Bildersturm findet auch heute statt, diesmal sind die Opfer sprachliche Kunstwerke. Im konkreten Fall, der Auslöser für diesen Beitrag ist ersten von zwei Beispielen geht es um Matthias Claudius und sein Gedicht „Abendlied“, allen bekannt in seiner vertonten Form und mit der ersten Zeile „Der Mond ist aufgegangen“.

Das „Abendlied“ zählt zu den historischen Perlen unserer Lyrik. Seit 238 Jahren gehört es zum Kanon mitteleuropäischer Literatur; es ist ein Spiegel seiner Epoche und zeitlose Sprachkunst gleichzeitig.

Zumindest bis zum Evangelischen Kirchentag 2017. Hier solte das Lied gemeinsam gesungen werden, aber der jahrhundertealte Text erregte Anstoß bei übereifrigen Sprachmodernisierern. Deshalb mussten die Zeilen „so legt euch denn, ihr Brüder“ und „und unsern kranken Nachbarn auch“ in geschlechtsneutrale Formulierungen geändert werden; ein Vorgehen, das meines Erachtens nichts anderes als sprachlicher Vandalismus ist, auch wenn es sich – in diesem Fall – nur um zwei Begrifflichkeiten handelt.

Denn das Gedicht ist ein Dokument seiner Zeit, und wenn Matthias Claudius „ihr Brüder“ geschrieben hat, dann ist das nicht nur ein Bestandteil dieses Kunstwerkes. Es gehört von Ausdruck und Betonung her zum sprachlichen Gesamteindruck – und bei Kunst geht es um das ästhetische Empfinden des Künstlers. Nie darum, ob sich irgendwer möglicherweise brüskiert fühlt. Legt man die Maßstäbe heutiger Political Correctness an die Kulturgeschichte Europas an, dann würden sich die Bibliotheken und Museen schnell leeren.

Und ja, natürlich verändert sich die Sprache ununterbrochen. Das ist eine normale Entwicklung, aber darum geht es hier gar nicht. Denn ein kulturelles Erbe bedeutet eben auch immer, die Kunstwerke im Kontext ihrer Entstehungszeit zu betrachten und sie nicht den Ausprägungen unserer heutigen ästhetischen Empfindungen anzupassen. Eine solche Einebnung unsers literarischen Erbes ist genauso ein kultureller Frevel wie die eingangs erwähnten Beispiele aus der Vergangenheit, über die wir heute nur fassungslos den Kopf schütteln können.

Bis hierhin hatte ich den Beitrag ursprünglich geschrieben. Eigentlich nur, um mir meinen Ärger von der Seele zu tippen, ich wusste noch gar nicht, ob ich ihn veröffentlichen wollte, zu absurd kam mir die Handlungsweise der Sprachvandalen vor. Aber immer, wenn man denkt, es könne nicht noch bizarrer werden, setzt jemand noch etwas obendrauf.

In diesem Fall geht es um ein achtzeiliges Gedicht von Eugen Gomringer, einem der wichtigsten zeitgenössischen Sprachkünstler und Poeten. Es ziert die Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf, die ihm 2011 ihren Poetik-Preis verliehen hatte.

In spanischer Sprache steht dort zu lesen:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Nun sind Gedichtinterpreationen immer subjektiv, aber um in diesem Gedicht „Sexismus“ und eine „patriarchale Kunsttradition“ zu erkennen, braucht es schon ein gehöriges Maß an Phantasie. Das wäre ja auch nicht weiter schlimm, wenn dies nicht eine Forderung des AStA der Hochschule begründen würde, das Gedicht entfernen zu lassen. Also ein Kunstwerk zu zerstören, weil es – vermeintlich – nicht der eigenen Weltanschauung entspricht. Wenn auch Denis Schecks Bezeichnung „Kulturtaliban“ für die AStA-Bilderstürmer vielleicht etwas harsch sein mag, ist es schlimm genug, dass die Hochschulleitung auf diesen totalitären Unsinn eingegangen ist und die Fassade neu gestalten lassen möchte.

In den sozialen Medien jedenfalls schlugen und schlagen die Wellen hoch, vor allem vor Empörung über die in keinster Weise nachvollziehbare AStA-Forderung. Autor und Texter Bruno Schulz hat es bei Facebook auf den Punkt gebracht: „Wer aus diesen Zeilen Sexismus liest, will diesen lesen, sucht ihn verzweifelt, um sich erheben zu können. Über andere. Über die Kunst. Die Schönheit. Richten. Die Welt dem eigenen kleinen Geist und Herzen Untertan machen. Weil man selbst nichts Schönes zu bieten hat. Eine verstörende Konstruktion schaffen, um auf andere zu treten. Die Welt häßlich zu machen.“

Und auch aus dem Berliner Haus der Poesie, dem Kooperationspartner des Poetik-Preises der Alice-Salomon-Hochschule, sind deutliche Worte zu hören: „Kritik oder vielmehr Unverständnis mit der Entfernung von Eugen Gomringers Gedicht öffentlich werden zu lassen, stellt nach unserer festen Überzeugung selbst eine Diskriminierung des Autors und der Kunst dar. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut demokratischer Gemeinwesen, das durch dergleichen Beschränkungen nicht infrage gestellt werden darf. Die Vernichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum, noch dazu aus unseres Erachtens dogmatischen Gründen, ist nicht akzeptabel.“

Matthias Claudius oder Eugen Gomringer: Dies sind nur zwei Fälle von vielen, bei denen die Verstümmelung sprachlicher Kunstwerke gefordert und durchgesetzt wird. Dieser Sprachvandalismus stört mich immens. Und jeder Mensch, der sich dem kulturellen Vermächtnis unserer Literatur verpflichtet fühlt, sollte sich diesem sprachlichen Bildersturm mit Vehemenz entgegenstellen. Es darf nicht Aufgabe von selbsternannten Zensoren sein, ihr kleingeistig-dogmatisches Gedankengut der Allgemeinheit aufzuzwingen und Nichterwünschtes verschwinden zu lassen. Dieses paternalistische Gehabe – das Wort „paternalistisch“ ist wahrscheinlich auch schon sexistisch – beleidigt jeden selbstdenkenden Menschen. Mehr dazu? Im Blog AISTHESIS gibt es einen lesenswerten Beitrag, der diese Gedichtentfernung in einen größeren Zusammenhang stellt.

Und was sagt eigentlich der im Oberfränkischen lebende Dichter selbst dazu? In der Süddeutschen Zeitung war unter der treffenden Überschrift „Berliner Provinz trifft oberfränkische Avantgarde“ die gelassene Stellungnahme Eugen Gomringers zu lesen: „Dass man mit so wenigen Worten so eine Wirkung erzielt, das war immer mein Ziel.“

Das gefällt mir.

Literaturvermittlung im Netz Über Buchblogs, Literaturkritik und den Blogbuster-Preis

Photo: Vera Prinz

Beschäftigt man sich in der Buchbranche mit der Digitalisierung, stösst man früher oder später – eher früher – auf den Namen Steffen Meier. Er gilt seit vielen Jahren als Vordenker für die Zukunft des Publizierens und beschäftigt sich von Beginn an mit den Themen E-Books, Apps, Mobile, Webpräsenzen oder Social-Media. Beruflich hat er mit digitaler Produktentwicklung zu tun, er bloggt auf meier-meint.de, ist Buchautor, Autor von Fachartikeln, Referent, Dozent und überall dabei, wo es um neue Techniken und Abläufe geht. Sein jüngstes Projekt ist der Digital Publishing Report #dpr, ein Online-Magazin, das sich mit allen Facetten der Digitalisierung beschäftigt, alle zwei Wochen erscheint und Beiträge von unterschiedlichsten Akteuren nicht nur der Buch- und Verlagsbranche enthält. Es war mir eine große Freude und Ehre, dass in der Ausgabe 1/2017 ein Interview enthalten war, das Steffen Meier mit mir als Literaturblogger Kaffeehaussitzer geführt hat. Es geht dabei um Literaturvermittlung im Netz, vor allem aber um den neuen Blogbuster-Preis, ein Literaturpreis, der aus der Bloggerszene heraus entstanden und bei dem der Kaffeehaussitzer als einer von 15 Blogs beteiligt ist.

Das Interview gibt es nun auch hier auf wie werden wir lesen. Weiterlesen

Sind Comics große Literatur? Literaturnobelpreis für die Zeichner

img_0087-2Eine Ausstellung der Schirn in Frankfurt vom Juni bis September 2016 »Pioniere des Comics« und die Verleihung des Literaturnobelpreises an den Singersongwriter Bob Dylan ließ mich über die Frage noch einmal neu nachdenken.

In der wunderbaren Frankfurter Schau von Juni bis September 2016 traf ich zum ersten Mal die Urväter dieser Gestaltungskunst und konnte mit Blick auf die teilweise über 100 Jahre alten Blätter eines sagen: Dies muss Kunst sein!

Auf Lyonel Feininger zu treffen, überraschte mich. Die Meisterschaft, für die er als Maler geschätzt wird, entwickelte er aus seiner Tätigkeit als kommerzieller Karikaturist. In seinen Comics klingen schon die Landschaftsbilder an, für die er berühmt wurde, sein erstes Publikum fesselte er mit grimassierenden Häusern und »sprechenden Landschaften«. Seine Blätter erschien bereit 1906 in der Chicago Tribune und lassen sich in Kenntnis seines späteren malerischen Werks noch auf ganz andere Weise betrachten. Weiterlesen

Verlage sind keine Verwerter

Verlage sind keine Verwerter

Der Bundesgerichtshof hat am 21. April 2016 ein Urteil verkündet, das man getrost als Schlag ins Gesicht der Verlagskultur in Deutschland bezeichnen kann.

Was war geschehen? Es ging um die Ausschüttungen der VG Wort. Bei der VG Wort gehen alle Abgaben, die für Vervielfältigung von Texten z.B. durch Kopierer in Bibliotheken oder Schulen bezahlt werden müssen, ein. Bis vor kurzem war es gängige Praxis, das die jährlichen Ausschüttungen an die Rechteinhaber zwischen Autoren und Verlagen aufgeteilt wurden. Und es geht dabei nicht nur um ein paar hundert Euro im Jahr, sondern um bedeutende Summen.

Aufgrund einer Klage hat nun der BGH entschieden, dass diese bisher praktizierte Aufteilung unrechtmäßig sei und die Ausschüttung alleinig den Autoren zustehen würde. Eine Auffassung, die mich wütend und ratlos zugleich macht, zeugt sie doch von einer erschreckenden Unkenntnis und Kurzsichtigkeit. Sie drängt damit Verlage in die Rolle der „Verwerter“ – und das sind sie nicht.

Verlage sind Partner der Autoren. Wer einmal erlebt hat, wie ein Manuskript in einem Verlag eingegangen und was am Ende daraus geworden ist, wird verstehen, was ich meine. Natürlich liegt die geistige Urheberschaft alleinig beim Autor, aber um aus einem Text ein Buch entstehen zu lassen, dieses zu lektorieren und zu redigieren, es zu bewerben und zu verkaufen, den Autor bekannt zu machen, ihn aufzubauen – an diesem Prozess sind keine „Verwerter“ beteiligt, sondern engagierte Menschen in Verlagen. Und nur diese Zusammenarbeit macht einen Text zu einem Buch. Das wirtschaftliche Risiko trägt dabei alleinig der Verlag. Und ja, Autorenhonorare mögen bei nicht ganz so bekannten Schriftstellern nicht gerade üppig sein, aber vor dem Hintergrund der oben kurz angerissenen Arbeitsabläufe ist das verständlich. Weiterlesen

Kaffeesatzlesen für eine Dekade Wie verändert sich die Buchbranche?

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Die Zeitschrift „Streifband“ wird herausgegeben vom Studiengang Buch- und Medienproduktion der HTWK Leipzig und erscheint seit 1996 jeweils zu den Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt. Ende des letzten Jahres erhielt ich eine Anfrage der Streifband-Redaktion, ob ich für das Leipzig-Heft 2016 einen Text über die Zukunft der Buchbranche schreiben wolle. Zuerst war ich – ehrlich gesagt – etwas erschrocken ob dieser Herausforderung; der Umbruch in unserer Branche ist so gewaltig, dass ernsthafte Prognosen schwierig sind. Doch dann erschien diese Aufgabe in einem immer reizvolleren Licht, schließlich habe ich seit 1993 beruflich mit Büchern und Medien zu tun und bin selbst sehr gespannt, was die nächsten Jahre bringen werden. So versuchte ich mich an einer Kaffeesatzleserei, um – rein subjektiv – vorherzusagen, wohin die Reise gehen mag. Der Text erscheint in Streifband 27 im März 2016. Und gleichzeitig hier in diesem Blog. Weiterlesen

Eine Epoche als literarische Miniatur

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Geschichte kann man sich rein faktisch nähern oder…fiktiv.

Der Zufall bescherte mir zwei ideal aufeinander aufbauende Werke als Lektüre. Mercè Rodoredas’ »Der Garten über dem Meer« und Joan Sales, »Flüchtiger Glanz«.

Im »Der Garten über dem Meer« entfaltet sich über den Zeitraum von sechs Sommern das Leben der  »besseren« katalanischen Gesellschaft in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren. Bei Rodoreda setzt sich das Bild aus den Dialogen vieler Personen zusammen. Der äußere Glanz kann nicht verbergen, dass sich hier bereits die Risse einer zu Ende gehenden Epoche zeigen, die schließlich in einem Bürgerkrieg enden wird.

Sind die hier dargestellten Verwerfungen nicht ein Spiegelbild dessen, was sich im Großen an tektonischen Veränderungen politisch wie sozial schon zeigt? Weiterlesen

Lesen in schweren Zeiten Lektüren in Not, Angst und Trauer

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Kann man seine gewohnte Lektüre fortsetzen, wenn schon Nachrichten und Ereignisse den Tag in ein »Vorher« und »Nachher« teilen?

Was kommt nach der Fassungslosigkeit, einer niederschmetternden Diagnose, einschneidenden Ereignissen oder einem persönlichen Verlust?

Seit fast 20 Jahren habe ich ein »Stundenbuch« in meiner Tasche, einem Gebetbuch für jeden Tag. Dieses abgegriffene Buch hat mich seither fast jeden Tag begleitet. Es enthält Psalmen, Gesänge und Bibelstellen für jeden Tag von vier Wochen. Danach beginnt man wieder von Vorne zu lesen.

Das Buch hatte ich bei mir, als die Anschläge des 11. Septembers 2001 geschahen, aber auch in persönlichen schweren Stunden. Die markantesten Daten dieser Zeit habe ich an entsprechender Stelle im Buch mit Bleistift vermerkt.

Bei den Texten handelt es sich in erster Linie um Psalmen. Ich lese sie in meiner jeweiligen Stimmung und Verfassung. Ihre Wiederkehr wirkt stabilisierend. Es entsteht eine Atmosphäre der Vertrautheit. Einzelne Motive dieser Literatur treten –  je nachdem – stärker oder schwächer hervor.

Die Texte trösten. Trotz ihres Alters spiegeln sie Grundstimmungen des damaligen Menschen wieder, die sich von den heutigen wenig unterscheiden. Furcht, Wut, Liebe. Die Texte verstärken Gedankenmuster, die wir mit ihnen verbinden: Trost, Kampfbereitschaft, Zuversicht. Weiterlesen

Das literarische Blogtett Über Buchblogger

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Photo: Orbanism

Literaturkritik findet neuerdings ja auch wieder im TV statt, in Zeitungen seit jeher, aber zunehmend und ernstzunehmend auch im Netz in Form von Buch- und Literaturblogs. Auf deren Seiten werden Bücher mit den Mitteln der Internetästhetik präsentiert.

Auf der Frankfurter Buchmesse gab es nun ein Buchblogger-Treffen. Es war eine Zusammenkunft der oftmals nur virtuell miteinander bekannten Netzrezensenten. Aber anders als im etablierten und ritualisierten Betrieb der Buchmesse ein paar Gänge weiter, ging es den Gesichtern und der Geräuschkulisse nach ungestüm, regellos, fröhlich und laut zu.

Was treibt Buchblogger um, die mit unglaublicher Liebe zum Detail Bücher formschön in Wort und Bild präsentieren? Wie soetwas mit den heutigen Gestaltungsmitteln aussehen kann, zeigt diese Übersicht.

Dass sich diese Gruppe nun auf der Frankfurter Buchmesse zusammenfand, gehört zu den hoffnungsvollen Zeichen dieser Veranstaltung, soweit sie sich mit der Zukunft des Lesens befasst. Weiterlesen

Nichts als Lesen E-Book-Reader und Buch

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Bücher sollen verführen. Ausstattung, Papier, Typografie können Verstärker des Inhalts sein.

Andererseits lenkt gerade dies vom Eigentlichen, der Lektüre, ab. Der E-Book-Reader – so paradox es klingen mag – ist ein idealer Begleiter des Lesers in unserer heutigen Zeit.

Das einfachste Model ohne Hintergrundbeleuchtung vieler Hersteller liefert ein immer gleiches Schriftbild ohne Reflexionen. Das Gerät ist leicht und sofort betriebsbereit und verspricht 30 Tage Lesegenuss ohne Nachladen. Es ist nicht größer als ein Taschenbuch und einhändig bedienbar. In meiner Fantasie hätte ich mir früher so den Fortschritt vorgestellt. Weiterlesen

Frauen lesen anders. Männer auch. Eine kleine Literaturblog-Statistik

Literaturblogs

Seit über zwei Jahren ist mein Literaturblog Kaffeehaussitzer online. Zwei Mal schon wurde ich in dieser Zeit gefragt, warum dort hauptsächlich Bücher von männlichen Autoren vorgestellt werden. Schon beim ersten Mal bin ich stutzig geworden und habe nachgezählt. Seit kurz darauf die Frage von jemand anderem wiederholt wurde, denke ich darüber nach, warum das so ist. Denn es stimmt, auf der Bücherliste des Blogs stehen (Stand heute) 109 Autorennamen, davon sind zehn weiblich, was einem Prozentsatz von 9,2 % entspricht. Ich habe meine Buchregale durchforstet und auch dort dürfte  – nach oberflächlichen Stichproben zu urteilen – das Verhältnis ein ähnliches sein.

Aber wähle ich meine Bücher bewusst danach aus, ob sie von einem Mann oder einer Frau geschrieben sind? Spontan würde ich sagen nein, auf keinen Fall. Wenn ich in einer Buchhandlung stöbere, muss mich bei einem unbekannten Autorennamen zuerst das Cover ansprechen, der Titel Interesse wecken, der Klappentext neugierig machen. Erst dann schaue ich, wer das Buch eigentlich geschrieben hat. Eigentlich. Weiterlesen

Zeit zum Lesen Eine Wiederentdeckung

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» ..ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen…«  Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1.

Wann lesen wir eigentlich noch? Ich meine damit nicht die vielen E-Mails, die beiläufig konsumierten Beiträge im Internet, sondern ganze Bücher?

Lesen kostet Zeit. Wenn auf die Frage an bekannte, vielbeschäftigte Zeitgenossen, was lesen Sie gerade? umfangreiche Werke wie »Der Turm« oder »The Circle« genannt werden, zweifle ich immer ein wenig und schaue auf mich.

Lesen ist zeitaufwändig. Größere Lektüren nehme ich mir für das Wochenende vor. Aber auch dieses ist oft schon mit vielen Terminen ausgekleidet und einen idealen Zeitpunkt zu störungsfreier Lektüre gibt es kaum. Ich empfinde oft, dass es gar als unsozial gilt, spontanen Verabredungen mit dem Hinweis auf eine gerade begonnene Lektüre zurückzustellen. Wer sagt schon, ich komme jetzt nicht mit Bier trinken, ich lese?

Aber dennoch versuche ich jeden Tag einen »schönen Text« zu genießen. Überall. Weiterlesen

Das Haben-Müssen-Gen

Alte Bücher

Kürzlich war ich wochenlang damit beschäftigt, meine Bücherregale zu durchforsten. Im Laufe der Jahre sammeln sich doch recht viele Bücher an, bei denen man sich irgendwann fragt, warum man sie eigentlich besitzt. Sei es ein Mängelexemplar, das man für zwei Euro neunundneunzig erworben hat, weil einem irgendwie der Klappentext gefiel, seien es Bücher aus Haushaltsauflösungen, von Flohmärkten, Geschenke, belanglose Krimis, die man für eine längere Bahnfahrt noch schnell im Bahnhof gekauft hatte; Bücher, die man einmal unbedingt lesen wollte, die dann aber schon zwanzig Jahre im Regal stehen, weil sie einen dann doch nicht interessierten. Und. Und. Und. Gleichzeitig wird der Platz eng, ständig fließt ein Strom neuer Bücher in die Regale und auf die Stapel davor. Weiterlesen

Im Gespinst des Dichters Über Dichterlesungen

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Ein Gemeindesaal in Bonn. Eine kleine Bühne, ein Sessel, ein Tisch, eine Leselampe. Das Publikum im Halbdunkeln. Ein paar Worte an die Zuhörer durch den Dichter. Er werde ohne Pause am Stück lesen, um den Spannungsbogen zu halten. Stille.

Der Dichter liest aus seinem Buch. Die Atmosphäre verdichtet sich. Das Geschriebene wird im Gesprochenen anders lebendig. Der Dichter weiß, wo er seine Stimme zu modulieren hat. In diesem Fall ist der Dichter ein früherer Schauspieler. Er »spielt« seinen Roman. Er macht es grandios. Robert Seethaler liest aus »Ein ganzes Leben«. Weiterlesen

Wie spielt die Musik?

Buch- und Musikindustrie

Es ist eine beeindruckende Graphik: Im Jahr 1976 wurden weltweit etwa 400 Millionen Schallplatten verkauft. Nur 16 Jahre später, im Jahr 1992 ist die Zahl kaum noch messbar. Die Tonträger aus Vinyl verschwanden innerhalb weniger Jahre von ihrer alles dominierenden Stellung nahezu in die Bedeutungslosigkeit.

vinylunitsAuch ich war wie so viele Millionen andere Teil dieses immensen Medienwandels. Nach einem Ferienjob als Schüler kaufte ich mir 1985 einen CD-Spieler und war einer der ersten in meinem Freundeskreis, der ein solches Gerät besaß. Dann ging es schnell und obwohl ich meine Schallplatten liebte, wurden sie zunehmend weniger benutzt; die CD-Sammlung nahm dagegen stetig zu. Für die Musikindustrie müssen das paradiesische Zeiten gewesen sein, CDs waren leicht herzustellen, einfacher zu lagern als Schallplatten und viele Fans kauften sich ihre Lieblingsplatten noch einmal auf CD neu. Das war der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.

Es folgte der zweite Schritt, den die Musikindustrie völlig verschlief und die Folgen dauern nach wie vor an. Die Umsätze mit Tonträgern brechen immer weiter ein, die Hörgewohnheiten einer ganzen itunes- und spotifysozialisierten Generation haben sich massiv verändert, große Player wie Apple oder Amazon beherrschen den Markt mit ihren geschlossenen Systemen.

Gerne wird diese Entwicklung auf die Buchbranche übertragen. Kann man das wirklich so einfach machen? Ich glaube nicht. Weiterlesen

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